Wort zum Tage, 01.02.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Ich will, dass du bist

Maskenpflicht, Abstandsgebot, Alkoholverbot, Ausgangssperre, Nies- und Hustetikette. In den letzten Wochen und Monaten sind viele neue Verbote und Gebote in unseren Alltag gekommen.

Klar, angesichts der Pandemie sind strikte Regelungen notwendig, auch wenn mir die Fülle nicht wirklich gefällt. Besonders nerven mich solche Anweisungen, wenn ich eine Kirche betrete.

Auch unabhängig von Corona gibt’s da oft jede Menge Schilder: Nicht laut reden, kein Eis schlecken, nicht Rollschuhfahren, nicht fotografieren und was sonst noch alles.

Ganz anders fühle ich mich, wenn ich die Augustinerkirche in Würzburg betrete. Da werde ich in einem kleinen Vorraum empfangen ohne alle Schilder und Aushänge – und auf einer kunstvoll gestalteten Wand mit Kerzenlicht begrüßt mich in goldenen Buchstaben die Zusage:

„Ich will, dass du bist!“

Ich finde diese Worte unglaublich ermutigend und befreiend: Jeder und jede ist hier gern gesehen, egal was er oder sie mitbringt oder vorweisen kann, wieviel er oder sie geleistet hat oder auch sich hat zu Schulden kommen lassen.

„Ich will, dass du bist!“

Dieser Satz stammt vom Ordensgründer und Kirchenlehrer Augustinus, er hat damit in knappen Worten auf den Punkt gebracht, was er unter Liebe versteht:

„Ich will, dass du bist!“

Für Augustinus ist das die uneingeschränkte Zusage Gottes an alle Getauften. Für mich ist das ein unglaublich befreiendes Gottesbild – denn Gott ist demnach nicht der, der vorschreibt, aufrechnet und nachträgt, sondern der uneingeschränkt ‚Ja‘ zu den Menschen sagt.

Und die Getauften ihrerseits sollten diese Zusage gegenüber allen Menschen weitergeben und weiterleben. Diese Gedanken gipfeln letztlich in dem augustinischen Satz:

„Liebe – und tu was du willst!“

Wenn du in deinem Handeln stets darauf bedacht bist, dass auch der Andere sein darf, dann kann dein Tun nicht so falsch sein!

Aus dem befreienden Gottesbild entspringt ein befreiendes Menschenbild. Das erste was mir im Blick auf andere Menschen einfallen sollte, ist nicht Kritik, Abgrenzung, Misstrauen, sondern eine Offenheit für ein Gegenüber, das Mensch ist wie ich.

Für mich wäre es eine gute Grundlage, die viele Ge- und Verbote auch in Coronazeiten eigentlich überflüssig machen könnte – würden alle ihr Verhalten daran ausrichten, dass auch andere sein dürfen! Zumindest könnte man die Regelungen ja in diesem Sinne verstehen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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