Am Sonntagmorgen, 31.01.2021

von Verena Tröster, Köln

„Wie fühlt sich Sündenvergebung an?“ Wenn Designstudenten katholische Rituale erlebbar machen

Taufe, Kommunion oder Beichte: Das sind Sakramente, durch die Gott wirkt und dem Menschen begegnet. Verbunden mit alten Ritualen sind Sakramente heute - vor allem für Jüngere - schwer begreifbar. Studierende aus Wuppertal wollen das ändern und haben kirchliche Rituale nach den Regeln des Produktdesigns überarbeitet.

© Prateek Gautam / Unsplash

Wenn Designstudenten katholische Rituale erlebbar machen: 

„Ohne den Kern zu verändern, denn der Kern ist zeitlos gut. Aber er braucht ein heutiges Gewand.“

Ein neues Design. Eine Oberfläche, etwas zum Anfassen.

„Das ist mein Forschungsgebiet und oft geht es dabei dann um die Frage, wie können wir eigentlich unsere Körperlichkeit nutzen?“

Wie kann ein Ritual, ein Sakrament, körperlich erlebbar werden? Wie kann es aussehen, sich anfühlen? Wie fühlt sich Sündenvergebung an?

Alte Werte ins 21. Jahrhunderte bringen

Studierende des Studiengangs Industrial Design an der Universität Wuppertal wollten das herausfinden. Und haben sich traditionelle kirchliche Rituale und Sakramente genauer angesehen.

Nach katholischer Glaubenslehre begegnet der Mensch in einem Sakrament Gott. In Taufe, Beichte, Kommunion handelt zwar der Priester, aber – so die Vorstellung – es ist Gott selbst, der darin wirkt. So werden diese Rituale zur Schnittstelle zwischen Mensch und Gott.

Doch der Sakramentenempfang in der Kirche geht zurück, die Glaubens-Vorstellung dahinter ist immer schwerer vermittelbar.

Die Studenten haben die Sakramente und andere kirchliche Rituale deshalb überarbeitet – nach den Regeln des Produktdesigns. Sie überführen sie in eine zeitgemäße Ästhetik.

Dr. Fabian Hemmert ist Professor für Design.

„Wir wollten nicht nur renovieren, nicht nur die Oberfläche neugestalten. Wir wollten auch nicht revolutionieren, aber dazwischen eben Innovation betreiben und die bestehenden Rituale und Werte ins 21. Jahrhundert bringen.“

Eine Kerze aus Sünden

Diakon Dr. Andreas Bell, vom Katholischen Bildungswerk Bonn, trägt die theologische Verantwortung für dieses Vorhaben.

Als Diakon steht er dem Priester beim Gottesdienst zur Seite und spendet selbst, zum Beispiel, das Sakrament der Taufe. Er stand den Designern im Entwicklungsprozess beratend zur Seite.

„Und was die Ergebnisse angeht, sie rühren auch mich an. Und ich meine, ich bin da ja schon qua Amt so ein bisschen abgestumpft, mehr in der Routine versackt und wenn ich denke, jetzt merke ich nochmal genau worum es eigentlich geht, dann war das ganze Projekt wirklich erfolgreich.“

Das Projekt: Die Mensch-Gott-Schnittstelle. Rituale neu erfunden.

Objekt „Candle of Sins“ – eine Kerze, die aus vergebenen Sünden gegossen wird.

„Die Kerze kam aus der Frage heraus: Wie kann man Sündenvergebung irgendwie erlebbar machen?“

Um das herauszufinden, machen die Designer Schritt eins im Produktdesign: Sie analysieren den Ist-Zustand.

Sünde als Segen begreifen

Traditionell erleben Christen die Sündenvergebung im Beichtgespräch oder im Bußgottesdienst. Idealerweise kurz vor Ostern, dem Fest der Auferstehung Jesu.

Dann wird gefeiert, dass Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz die Sünden auf sich genommen hat.

Gemeinschaftlich fühlbar wird die Sündenvergebung in der Osternachtfeier, im sogenannten Exsultet, dem Osterlob. Es besingt den Sieg des Lebens über Tod und Sünde.

„O unfassbare Liebe des Vaters. Um den Knecht zu erlösten, gabst du den Sohn dahin. O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat.“

„Oh, glückliche Schuld“?

„Und da heißt es unter anderem drin: ‚O glückliche Schuld, die du einen solchen Erlöser gefunden hast.‘ Und da ich selber Diakon bin und das einmal im Jahr singe, habe ich natürlich drüber nachgedacht wie kann man denn sagen „oh glückliche Schuld?“

Warum ist die Schuld glücklich, wie fühlt sie sich an, was passiert in der Osternacht mit ihr?

Diakon Andreas Bell erklärt: Glücklich sei die Schuld deshalb, weil Christen den Luxus haben, die tiefsten Winkel ihrer Seele Gott zeigen zu können.

„Ohne Angst zu haben. Weil ich weiß, dass ich auch mit den ganzen dunklen Teilen meines Herzens von Gott immer geliebt bin.“

O Felix culpa – o glückliche Schuld. In der Osternacht hören Christen diese Zusage: Deine Sünden werden von Gott vergeben.

„O glückliche Schuld, welch großen Erlöster hast du gefunden.“

Schuld greifbar machen

Schritt 2 im Produktdesign: Konzeption von Lösungsvarianten: Die „glückliche Schuld“ soll jetzt im Design erlebbar werden. Man soll sie in die Hand nehmen können.

Während man sich ihrer bewusst wird, also sein Gewissen erforscht und dabei auch das Schwere, das Belastende erkennt. Welches Material eignet sich?

„Das könnten Steine sein oder sowas. Das war aber noch zu einfach. Das hat zwar schon eine gewisse Haptik, aber was macht man dann nachher mit den Steinen? Also kam die Überlegung darauf Wachs zu nehmen und das Wachs einzuschmelzen.“

Sünden sammeln

Phase 3: Ein Entwurf entsteht. Kleine Stücke Wachs machen den Ballast der Sünde anfassbar. Immer wenn man erkennt, dass man eine Verfehlung begangen hat, legt man ein farbiges Wachsstück in einen gusseisernen kleinen Behälter.

„Das ist ein Reflexionsinstrument. Ich stelle mir also diesen kleinen Sammelbehälter Zuhause hin und habe daneben eine Schale mit Wachspellets.“

Über das Jahr hinweg füllt sich der Becher – die Sünden werden sichtbar, ihre Last schwerer.

„Es gibt ja schon einen enormen Bedarf über sich und seine eignen Verfehlungen nachzudenken. Damit gehen wir aber klassischerweise eher zum Psychotherapeuten oder in die Selbsthilfegruppe im Internet. Aber wir gehen nicht mehr dann zum Priester.“

Hier schon. Denn mit dem Objekt „Candle of sins“, haben die begangenen Sünden auch einen Platz in der Kirche.

Kurz vor dem Beginn der österlichen Buß- und Fastenzeit, am Fest Mariä Lichtmess, bringen Gläubige traditionell Kerzen von zuhause mit in die Kirche, um sie dort segnen zu lassen.

Das könnte ein geeigneter Termin sein, auch die Sammelbecher mit den Wachspellets mitzubringen.

Und allesamt werfen wir unsere Besserungsvorschläge oder Vorhaben, unsere guten Absichten, unsere Zerknirschung, werfen wir jetzt zusammen und machen etwas ganz Neues daraus.“

Gemeinsam Schuld fühlen

Die Osterkerze. So zumindest die Idee der Designstudenten.  

„Und dann schmelzen die Wachspellets zusammen, sollten idealerweise sintern, also sich so langsam ineinander schmiegen, damit dann auch noch die Farbigkeit, dieses marmorierte dann sichtbar ist.

Und wenn es dann wieder abgekühlt ist, dann hat man eben eine Kerze, in der jedes einzelne Eckchen dafürsteht, dass ein Gemeindemitglied eine Sünde gebeichtet hat. Und alle Sünden sind vergeben.“

Und mehr noch, zündet man die Kerze an, werden die Sünden einer ganzen Gemeinde zusammen Licht. So kann sie tatsächlich fühlbar werden, die glückliche Schuld.

„So ist nun das Lob dieser kostbaren Kerze erklungen, die entzündet wurde am lodernden Feuer zum Lobe des Höchsten.“  

Gotteserfahrung ist nicht planbar

Von der Insulinspritze bis hin zum Schreibtisch, überall umgibt uns Produktdesign. Und ein Objekt, das sagt Designexperte Hemmert, sei immer dann gut, wenn es seinen Zweck erfüllt.

In diesem Fall gar nicht so einfach, denn die Objekte der Mensch-Gott-Schnittstelle haben eine Besonderheit: Sie lassen Platz für Gott, für sein Wirken am Menschen.

„Es gibt immer ein Element, wo ich nicht genau weiß, was passiert hier jetzt gerade. Es gibt immer ein möglicherweise zufälliges oder auch irgendwie geleitetes Element, was ich selbst nicht vorhersagen kann...“

…anders gesagt: Die mögliche Gotteserfahrung kann ich nicht planen, nicht voraussetzen.

Ungewohnt für den Universitätsprofessor. Denn ihm ist das Vertrauen auf etwas Größeres fremd.

„Also ich habe ein ganz großes Vertrauen in die Welt, aber ich glaube nicht an einen Gott.“

Und trotzdem: Die von den Studenten entworfenen Objekte, die sehr klar nach den Regeln des Produktdesigns entstanden und gebaut sind, haben jedes für sich so ein eingebautes spirituelles Moment. Sie rechnen quasi mit Gottes Anwesenheit.

„Flame of Prayers“

Da ist zum Beispiel das Objekt „Flame of Prayers“ – eine Feuerstelle, die Gebete in Farbe beantwortet.

Das Design ist denkbar einfach: Eine kupferfarbene Messingschale, darin ein paar dekorative Lavasteine, unter den Steinen eine versteckte Gaskartusche, die eine Flamme wirft.

Diakon Andreas Bell bringt die Technik zum Vorschein. Das wichtigste Element dieses Objektes, erklärt er, sind Metallsalze, die in Form von Pellets eingesetzt werden, um die Flamme zu färben.

„So, und wenn man dann den Brenner hier stehen hat, der einfach eine normale Flamme farblos macht, hier dann so ein Pellet reinmacht und das dann da drüber schwenkt, dann beginnt die Flamme sich farblich zu verändern.“

Die Dinge in einem anderen Licht sehen

Zwischen den Lavasteinen züngelt es jetzt wahlweise rot, blau, gelb oder grün, je nachdem welches Metallsalzpellet über den Brenner geschwenkt wird.

Der Betende bekommt ein farbliches Feedback zu seinem Anliegen. Es wird deutlich, was Gebet eigentlich ist: ein Dialog mit Gott.

„Normalerweise kreisen wir dann so um Gedanken, oder grübeln die ganze Zeit. Das soll mich aus den Schleifen herausholen. Und es soll mir die Möglichkeit geben, Dinge in einem anderen Licht zu sehen und zwar wortwörtlich.“

Ein kleiner technischer Zusatz, der für die betende Person neuen Interpretationsspielraum schafft:

„Also hier geht es um ein Einsortieren der persönlichen Befindlichkeit. Und das kann ich eigentlich nur, wenn ich mich dialogisch verstehe. Wenn ich mich und meine ganze Situation betrachte, offenlege und dann auch offen bin für neue Erkenntnisse.

Und das wird eben hier ausgedrückt durch die Flamme, die eine überraschende Farbe annimmt und wo ich dann denken kann, was bedeutet jetzt das warme rot, oder das kühle blau? Was bedeutet das jetzt für diese Situation, bei dem, um das ich jetzt gerade bitte. Und dann kann ich idealerweise auf neue Erkenntnisse kommen.“

Den Sinn wiederfinden

Beim Objekt „Flame of Prayers“ – eine Feuerstelle, die Gebete in Farbe beantwortet. Sieben Einzelobjekte sind auf diese Weise im Studiengang Industrial Design entstanden. Die besten Objekte, erklärt Designprofessor Hemmert, seien dabei meist die einfachen:

„Es sind alles Alltagsobjekte: Es ist eine Leuchte, es ist eine Kerze, es ist eine Wand, es ist eine Box. Und das war auch unser Ziel ja, Objekte zu gestalten, die anders als vielleicht Kirche heute, wieder einen Platz finden Zuhause bei den Menschen. Oder zumindest im Alltag.“

In ihrem echten Leben. Da, wo Glaube täglich stattfindet und wo vielleicht die Selbstverständlichkeit abhandengekommen ist, ihm einen Platz zu geben.

Weil man oft gar nicht mehr so genau weiß, wie. Weil viele den Sinn eines Weihwasserbeckens, einer Kerze, einer Heiligenfigur oder eines Rosenkranzes nicht mehr greifen können.

„Das ist ja auch das gefährliche an Ritualen aller Art. Irgendwann ist nur noch das Ritual da und man weiß gar nicht mehr, warum man das macht. Und das durch eine Neugestaltung des Rituals nochmal offenzulegen, ist eine sehr gewinnbringende Sache.“

Das Neue will das Alte nicht verdrängen

Und nichts davon muss Angst machen. Angst davor, dass das Neue an die Stelle des Alten tritt:

„Das ist der Dauerzustand der Kirche. Wir haben Rituale, Gebete, Sprachspiele zu jeder Zeit neu erfunden. Das Schlimmste, was wir machen können, ist, an einem Punkt aufzuhören und zu sagen, jetzt geht die Geschichte nicht mehr weiter, das muss jetzt für alle Zeiten so bleiben.

Da hat die Kirche immer wieder sich sozusagen aufgerafft und gesagt: Wir müssen das – wie Johannes XXIII. es ausdrückte – „verheutigen“, also das berühmte „Aggiornamento“. Was bedeutet neue Worte, zeitgemäße Begriffe finden, zeitgemäße Rituale, die dem heutigen Menschen in seiner jetzigen Lebenswirklichkeit etwas sagen.“

Diakon Andreas Bell ist sich sicher: Die von den Studierenden designten Objekte - es sind noch mehr, als die hier vorgestellten - taugen durchaus für den realen Einsatz. Zuhause oder in der Gemeinde.

Wenn beichten unpopulär wird, wieso sollte man nicht versuchen die Menschen an eine „Wall of Confessions“ heranzuführen? Eine öffentliche Wand zur Beichte, die durch den Regen reingewaschen wird.

Wenn beten für andere sinnlos erscheint, wieso nicht ein „Light of Connectedness“ aufstellen. Eine Kerze, die zeigt, wenn jemand für mich betet.

Wenn Menschen sich ausgeschlossen fühlen, vielleicht hilft das Objekt „Balance of Equality“? Eine Wippe, auf der alle Menschen gleich sind.

Zumindest öffnen diese Objekte den Blick. Für katholische Rituale und Sakramente, die neu erlebbar werden.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik: Benjamin Starnberg – A Touch Of A Genius


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Dieser Beitrag wurde am 31.01.2021 gesendet.


Über die Autorin Verena Tröster

Verena Tröster (Jahrgang 1984) moderiert beim Domradio in Köln und ist Mitglied im Journalistenbüro Punkt-um. Für WDR und Deutschlandfunk berichtet sie als freie Autorin über Politik, Gesellschaft und Soziales und bietet Medienseminare für Organisationen an.  Auf der Frankfurter Buchmesse moderiert sie jährlich das Autorensofa des katholischen Medienverbandes. Kontakt: verenatroester@gmx.de

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