Morgenandacht, 29.01.2021

von Pfarrer Thomas Steiger, Stuttgart

Die Enzyklika AMORIS LAETITIA: Erziehung

Corona-Pandemie und Schule - das ist ein schwieriges Thema. Das will einfach nicht zusammenpassen. Im Klassenzimmer sitzen viele Menschen in einem Raum. Die erforderlichen Abstände sind kaum einzuhalten.

Es ist schwierig, sich mit einer Maske vor dem Mund richtig zu verständigen. Also gibt es Fernunterricht, digitale Angebote, die den Unterrichtsstoff vermitteln sollen. Aber das funktioniert nur teilweise.

Im Religionsunterricht fällt mir eine Sache ganz besonders auf: Es fehlt der direkte Kontakt zu den Schülern, die persönliche Auseinandersetzung. Wenn ich mit Schülern über die Frage sprechen will, ob es erlaubt sein soll, seinem Leben ein Ende zu bereiten, wenn man alt und krank ist, dann geht das nicht mit einem Arbeitsblatt, das schriftlich bearbeitet wird.

Eine lebhafte Diskussion zum Thema „Existiert Gott - ja oder nein?!“ funktioniert per Videokonferenz nur unbefriedigend. Da fehlen die Dynamik einer lebhaften Debatte und die feinen Nuancen der Mimik und der Zwischentöne. Alles in allem wird immer deutlicher, wie wichtig es ist, dass Kinder und Jugendliche nicht nur zu Hause sind. Bei ihren Eltern und Geschwistern.

Lernen hat etwas damit zu tun, sich anderen, auch fremden Menschen auszusetzen. Sich damit zu konfrontieren, wie sie denken und sich verhalten. Und dabei den eigenen Weg zu finden. Das darf nicht aufgegeben werden, wenn am Ende die Kinder und Jugendlichen nicht zu den großen Verlierern der Pandemie zählen sollen.

Allerdings könnte man den Umständen auch etwas Gutes abgewinnen. Denn die Voraussetzungen dafür, dass es im Kindergarten und in der Schule überhaupt zum Lernen kommt, die werden in der Familie gelegt.

Das klappt freilich nur, wenn dort keine chaotischen Verhältnisse herrschen. Es braucht einigermaßen geordnete Strukturen und eingespielte Regeln für das Miteinander – zumal wenn plötzlich alle daheim sind. Dann ist das Lernfeld Familie großartig und unverzichtbar.

Das weiß auch Papst Franziskus. Er schreibt dazu in seiner Enzyklika Amoris laetitia folgendes:

Die Familie ist die erste Schule der menschlichen Werte, wo man den rechten Gebrauch der Freiheit lernt[1].

Das ist zwar eine ideale Vorstellung, wenn man davon ausgeht, dass das genau so stattfinden soll. Aber sie stimmt trotzdem.

Wo sonst sollen Kinder lernen, was richtig ist und was falsch? Wo sollen sie ihre Grenzen austesten können? Wo lernen sie Autorität kennen und sich in ein soziales Gefüge zu integrieren? Wo machen sie die Erfahrung, dass etwas nicht gut geht, dass sie wieder aufstehen können, wenn sie hingefallen sind? Und so weiter.

Dafür ist die Familie der erste Ort. Dort werden die Grundlagen gelegt, auf der jede weitere Erziehung und alles Lernen aufbaut. Wer in der Schule unterrichtet oder als Erzieherin tätig ist, weiß dass das beileibe nicht mehr bei allen Kindern der Fall ist. Es gibt leider genügend Eltern, die überfordert sind mit ihrer Aufgabe als Erzieherin und Erzieher.

Aber nicht alles kann delegiert werden. Der Ausgangspunkt von dem, was Zusammenleben bedeutet, liegt nun einmal natürlicherweise in der Familie.

Warum ist das für den Papst und damit für den christlichen Glauben von Bedeutung? Weil es um das Grundsätzliche geht. Und das hat religiös gesprochen immer mit Gott zu tun, mit dem, wie er die Welt geschaffen hat und wie er sich eine gute Ordnung darin vorstellt.

Und weil in der Familie auch gelernt wird, was Glauben bedeutet. Wenn die Mutter am Bett sitzt, der Vater über den Kopf streichelt, der Bruder in den Arm nimmt. Das sind elementare Glaubenserfahrungen, die nirgends anders zum ersten Mal gemacht werden.


[1] AL 274


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Dieser Beitrag wurde am 29.01.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Thomas Steiger

Pfarrer Thomas Steiger, geboren 1964, ist der katholische Hörfunkpfarrer beim SWR. Er studierte Theologie und Deutsche Sprache in Tübingen und Wien. Seine Priesterweihe erfolgte 1995. Nach unterschiedlichen Stationen in der Gemeindeseelsorge war er zuletzt 14 Jahre Pfarrer und Dekan in Tübingen. Seit 2013 ist er als Beauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart für die Rundfunkarbeit am SWR tätig. Kontakt
thomas.steiger@kirche-im-swr.de

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