Morgenandacht, 27.01.2021

von Pfarrer Thomas Steiger, Stuttgart

Die Enzyklika AMORIS LAETITIA: Die Ehe

Meine Eltern haben eine ganz normale Ehe geführt. Sie hat 48 Jahre gehalten, bis zum Tod meines Vaters. Es gab Streit und heftige Meinungsverschiedenheiten und genauso wunderbare gemeinsame Stunden, wo das Glück hätte kaum größer sein können.

Ich habe auch erlebt, dass meine Eltern als Eheleute an ihre Grenzen gekommen sind und daran gezweifelt haben, ob sie es noch länger zusammen schaffen. Ich habe mir dann natürlich Sorgen gemacht. Aber sie haben sich immer wieder zusammengerauft, und das hat mir gezeigt: Ganz aufgeben werden sie wohl nicht so schnell.

Jede Lebensform hat ihre anstrengenden Seiten und birgt Herausforderungen. Das Leben in einer Ehe und das als Single. Wie viel Arbeit eine Partnerschaft ist, weiß ich nicht zuletzt aus vielen Gesprächen mit Paaren und aus dem, was mir ein Freund erzählt, der als Therapeut Paare in Krisen begleitet.

Dass es auch ein Papst weiß und in einem offiziellen Schreiben darüber spricht, finde ich ausgesprochen sympathisch. Denn in seiner Enzyklika Amoris laetitiaÜber die Freude der Liebe – geht es auch um die Niederungen des Ehelebens. Papst Franziskus nimmt das als Ausgangspunkt in seinem Kapitel über die Ehe. Darin schreibt er:

Langmut zu besitzen bedeutet nicht, uns ständig schlecht behandeln zu lassen oder physische Aggressionen hinzunehmen oder zuzulassen, dass man uns wie Objekte behandelt. Das Problem besteht, wenn wir verlangen, dass die Beziehungen himmlisch oder die Menschen voll- kommen sind oder wenn wir uns in den Mittelpunkt stellen und erwarten, dass nur unser eigener Wille erfüllt wird. Dann macht uns alles ungeduldig, alles bringt uns dazu, aggressiv zu reagieren. Wenn wir die Langmut nicht pflegen, werden wir immer Ausreden haben für Antworten aus dem Zorn heraus, und schließlich werden wir uns in Menschen verwandeln, die nicht verstehen zusammenzuleben, die unsozial sind und unfähig, die eigenen Instinkte zurückzudrängen, und die Familie wird zu einem Schlachtfeld[1].

Soweit Papst Franziskus.

Lange genug ist man in der Kirche davon ausgegangen, die Ehe sei ein Ideal. Im Bund der Eheleute zeige sich der Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Das mag als Vergleich, als geistliches Bild richtig sein.

Wer aber daraus ableiten will, der Mensch habe perfekt zu sein, der begeht einen kapitalen Fehler. Weil er etwas verlangt, das zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Dass Papst Franziskus seinen Ansatz von der anderen Seite wählt, spricht nur für seinen Realitätssinn.

Es zeigt auch die Richtung auf, wie Ehepaare am besten miteinander klarkommen. Indem sie sich nicht überfordern, sondern geduldig miteinander bleiben. Das ist überhaupt das Schlüsselwort im Kapitel der Enzyklika über die Ehe: Geduld. Oder wie der Papst sagt: Langmut.

Er ermahnt nicht zur Treue, er baut keinen Druck auf. Nein, wer das Wagnis eingeht, ein Leben lang mit demselben Menschen durchs Leben zu gehen, der braucht langen Mut. Für die Durststrecken, die kommen werden, wenn die Anziehungskraft im Laufe der Zeit nicht mehr so groß ist wie am Beginn.

Wenn Kinder da sind und mehr Zeit und Aufmerksamkeit brauchen als der Partner. Wenn die Eigenheiten, die jeder mit sich bringt, anstrengend werden und man sich einbildet, das könnte mit einem anderen Partner an der Seite besser sein.

Dann braucht es Geduld, einen Mut, der langen Atem hat. Nicht als Kadavergehorsam des einen, der erträgt, dass der andere ihn unterdrückt. Aber auch nicht als Ausflucht, bei der kleinsten Gelegenheit davonzulaufen.

Und darin könnte ein Paar dann tatsächlich Vorbild sein für so vieles, was im Zusammenleben der Menschen oft Schwierigkeiten bereitet.


[1] AL 92


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Dieser Beitrag wurde am 27.01.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Thomas Steiger

Pfarrer Thomas Steiger, geboren 1964, ist der katholische Hörfunkpfarrer beim SWR. Er studierte Theologie und Deutsche Sprache in Tübingen und Wien. Seine Priesterweihe erfolgte 1995. Nach unterschiedlichen Stationen in der Gemeindeseelsorge war er zuletzt 14 Jahre Pfarrer und Dekan in Tübingen. Seit 2013 ist er als Beauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart für die Rundfunkarbeit am SWR tätig. Kontakt
thomas.steiger@kirche-im-swr.de

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