3. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Seminarkirche in Hildesheim

Predigt von Domkapitular Wolfgang Voges

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“

Jetzt geschieht das Entscheidende der Weltgeschichte. Durch mich. So lautet die Botschaft Jesu im heutigen Evangelium, liebe Schwestern und Brüder! Und der das sagt, wird dafür sorgen, dass diese Verheißung in Erfüllung geht.

Schafft er das allein? Wohl kaum. Der Mann aus Nazareth ist sich seiner Sendung bewusst.

Er weiß aber auch, dass er seinen Auftrag ohne Hilfe nicht erfüllen kann. Also holt er sich Verstärkung. Zweimal zwei Brüder sind es für den Anfang:

„Kommt mit! Folgt mir nach! Menschen fischen!“

Sie tun es. Wie viele nach ihnen. Bis zum heutigen Tag.                    

Aber ist das Reich Gottes nahe? Wohl keine Zeitung gelesen und keine Nachrichten angeschaut. Während irgendwo jemand vielleicht überlegt, ob und wie man heutzutage in Jesu Fußstapfen treten kann, fliegen Raketen; herrscht nach wie vor Bombenstimmung in Afghanistan und anderswo; läuft die Zeit davon, das Öl ins Meer; sterben Menschen an Hunger und Seuchen; stirbt die Liebe. Und manche wollen das alles nicht wahrhaben.                    

Was ist das Weltentscheidende in diesen Tagen und Wochen? Sicher auch, wann das Virus endlich besiegt und die Pandemie beendet ist.

So, wie das läuft, dauert es mit dem Reich Gottes entschieden zu lange. Nein, die Zeit ist noch nicht erfüllt, sie wird langsam aber sicher knapp.

Jesus lebte wie viele damals in der Erwartung, dass das Reiches Gottes nicht mehr lange auf sich warten ließ. Seine Umgebung saß gewissermaßen auf gepackten Koffern. Endzeit. Count-down. Bald ist es vorbei! Dann verblasst die Sonne und vergilbt der Mond, die Sterne fallen. (Vgl. Matthäus 24, 29) 

Und wie reagiert Jesus darauf? Er sammelt einen Kreis von Jüngern um sich, die nicht wirklich verstehen, wie er in der Öffentlichkeit handelt und was er verkündet. Diese Männer sollen ihm beistehen. Eigentlich ein Unsinn.

Aber Jesus weiß genau, was die Uhr geschlagen hat und was geschehen muss. Was er tut, sind Dinge, die die Zeit bis heute erfüllen; die Hoffnung wecken; die Liebe wachrütteln, die den Glauben an die Menschen und an Gott stärken. Jesus setzt Maßstäbe für das, was bis heute sinnvoll ist.

Nämlich: Menschen fischen, die in den Seilen hängen und die nicht mehr können. Die an Leib und Seele verwundet sind. Ihm geht es um Befreiung von Dämonen und Abhängigkeiten – von Arbeitswut und Spielsucht oder davon, 80-mal am Tag zum Handy greifen zu müssen; um Befreiung von Angst und Traurigkeit, von Mutlosigkeit und depressiver Stimmung.

Dafür gibt es keine geeigneten Geräte, keine technischen Hilfsmittel. Dazu braucht es gütige Augen und behutsame Hände. Und die haben nur helfende Menschen.

Wer teilnimmt an Jesu Mitgefühl und seiner Art, sich Menschen zuzuwenden, wer zärtliche Hände und eine rücksichtsvolle Sprache hat, wer nicht gleich die Fassung verliert, wer zum Beispiel auch mal drängelnde Autofahrer lächelnd an sich vorbeilassen kann, ist ein Glücksfall für jene, die immer nur schwarzsehen.

Und alle, die Jesus bekanntmachen und auf ihn hinweisen, tragen Hoffnung in die Welt. Jede Mutter, jeder Vater, die Freundin oder der Freund, jede und jeder von uns kann eine frohe Botschaft sein. Eine Menschenfischerin, ein Menschenfischer.

Heute, liebe Schwestern und Brüder, ist schon Gelegenheit, das eine oder andere zu tun, wenn wir nicht wie gelähmt in diese verunsicherte Corona-Welt hineinschauen und uns nicht entmutigen von schlimmen Nachrichten.

Heute steht die Welt noch. Und morgen wohl auch. Der erste Blick auf Jesus ist schon Nachfolge; der erste Schritt ebenso; ja, das erste gute Wort ist bereits Nachfolge. Der Brief, das Telefonat, gerade jetzt der Besuch von alten und kranken Menschen, das Abendgebet – all das ist Nachfolge. Noch heute könnten wir ganz neu unterwegs sein mit Christus. Heute ist erfüllte Zeit.     

Ich mag den jüdischen Dreizeiler von Rabbi Hillel, einem Zeitgenossen Jesu. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hat ihn gern zitiert.

„Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?“

Amen.

 


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 24.01.2021 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Wolfgang Voges

Wolfgang Voges, Jahrgang 1956, ist Pfarrer, Dechant und Domkapitular in Hildesheim. Nach dem Abschluss der Realschule absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Kaufmann im Grundstücks- und Wohnungswesen. Dann folgte das Abitur auf dem 2. Bildungsweg in Neuss. Anschließend studierte er Kath. Theologie in Münster und Bogotá (Kolumbien). Seit 31 Jahren ist er Priester des Bistums Hildesheim.

Dieser Beitrag wurde am 24.01.2021 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche