Wort zum Tage, 23.01.2021

von Dr. Rainer Dvorak, Würzburg

Hirten

Immer früh raus, kein Wochenende und umgerechnet etwa fünf Euro Stundenlohn: Das gilt für den Beruf des Schäfers.

Von wegen einfach frische Luft und Ruhe genießen, dem gleichmäßigen Blöken der Schafe lauschen und entspannt am Hirtenstab lehnen! Vor allem die Wochen im Frühjahr sind hart, wenn die Schafe ablammen.

Das heißt dann auch noch: Viele Male nachts raus und bei der Geburt helfen. Dabei werden die Herden immer größer und die Aufgaben wachsen: Ein Schäfer ist heutzutage Biologe, Tierarzt, Landschaftspfleger und Ökonom in einem.

Und er darf nicht zimperlich sein: Bei Wind und Wetter draußen, immer auf den Beinen und stets hellwach. Wer es lieber gemütlich mag oder seinen Freundeskreis pflegen will, der ist fehl am Platz.

Für diesen Beruf muss man Lust und Liebe mitbringen. Ohne Leidenschaft geht nichts. Wer nur aussteigen will, weil er von der Zivilisation genug hat, wird nicht lange Schafe hüten.

Er wird sie nicht kennen und nicht voneinander unterscheiden können. Wer aber seine Schäfchen nicht kennt, kann sie auch nicht ins Trockene bringen. Ein guter Schäfer kennt jedes seiner Schafe. Sie können sich auf ihn verlassen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Jesus sich in der Bibel selbst mit einem guten Hirten vergleicht. Er kümmert sich um jedes einzelne Schaf seiner Herde, und wenn eines verloren geht, dann lässt er alle anderen zurück und geht dem verlorenen nach.

Nur dieses eine Verlorene hat er dann im Sinn, alle anderen Schafe können jetzt warten. Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es auf seine Schultern und trägt es den ganzen langen Weg heim. Und freut sich dabei wie ein Kind. So ist Gott – sagt die Bibel. 

Ich glaube, dass der gute Hirte in diesem Leben in ganz verschiedenen Gestalten für uns sorgt: Als Krankenpfleger in der Klinik, der sich – wenn „Not am Mann“ ist – dann doch an das Krankenbett setzt und dem verzweifelten Patienten zuhört, obwohl das enge Zeitbudget es ihm eigentlich verbietet.

Oder als Familienpflegerin, die den viel zu jungen Eltern ohne Oma im Hintergrund Dienstpläne schreibt, damit sie ihr chaotisches Leben geregelt bekommen.

Und wohl auch als der gute Hirte in mir, der seine Stimme erhebt, wenn ich mich ganz an die Alltagspflichten verliere und im Berufsstress untergehe, und mich an die Ruheplätze erinnert, an denen ich wieder Kraft schöpfen kann.

Gute Hirten gibt es viele. Wohl dem, der sie hinter sich weiß. Der ist gut behütet und geborgen.


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Dieser Beitrag wurde am 23.01.2021 gesendet.


Über den Autor Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak, Jahrgang 1962, ist Direktor der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Zuvor war er tätig als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg, als Ökumenereferent der Diözese Würzburg und als Leiter von „Theologie im Fernkurs.“ Dvorak ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kontakt
Katholische Akademie Domschule
Am Bruderhof 1
97070 Würzburg
rainer.dvorak@domschule-wuerzburg.de
www.domschule-wuerzburg.de

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