Wort zum Tage, 22.01.2021

von Dr. Rainer Dvorak, Würzburg

Der innere Türsteher

In der Mittagspause setze ich mich hin und wieder in eine Kirche. Aus einem oft viel zu rasanten, lauten Leben tauche ich dann in eine andere Welt ein. Ich muss tagsüber viel reden und entscheiden.

Da tut mir erst einmal die Stille gut. Der Kirchenraum umschließt mich wie eine schützende Hülle und die bunten Glasfenster schenken mir eine Ahnung von einer anderen Welt, in der mir noch ganz anderes möglich ist als das Leben draußen.

Oft tun mir diese einsamen Momente in einer Kirche gut. Ich finde meine innere Balance wieder und bekomme die Luft geschenkt, die ich zum Atmen brauche.

Warum das so ist, habe ich verstanden, als ich mich mit den Wüstenvätern beschäftigt habe. Diese vielleicht etwas kuriosen Gestalten der frühen Christenheit hatten viel Erfahrung mit ihrem inneren Chaos.

Sie zogen aus den Städten weg in die Einsamkeit der Wüste, um Gott zu suchen – und begegneten erst einmal ihrem eigenen unaufgeräumten Selbst.

In der Stille brach ein Sturm von Gedanken, Ängsten, Sehnsüchten und Emotionen über sie herein. Ablenkungen in der Wüste gab es nicht und Davonlaufen kam nicht in Frage. Also mussten die Mönche lernen, damit umzugehen.

Und sie kamen zu dem Ergebnis: Schädliche Gedanken und Emotionen soll man wegschicken, positive und aufbauende soll man einladen. Sie erkannten: Diese Gedanken kommen – aber ob sie sich in uns dauerhaft aufhalten oder nicht, das liegt in unserer eigenen Macht.

So entdeckten diese Einsiedler ihren inneren Türsteher. Mit seiner Unterstützung lernten sie unterscheiden und konnten Ordnung in das Chaos ihrer Gedanken und Gefühle bringen.

Was wäre, wenn ich einen solchen Türsteher in mir entdeckte, eine Art Bodyguard, der alles Schlechte von mir abhält und nur dem Guten Zutritt verschafft? Dann könnte ich mit seiner Hilfe beispielsweise dem widerstehen, was mich ruhelos werden lässt, was mich nicht mehr aus dem Hamsterrad des Arbeitens aussteigen lässt, mich eng und letztlich unausstehlich macht.

Vielleicht ist das ja das Geheimnis an den Unterbrechungen des Alltags: Nicht zuerst den Akku wieder aufladen, um schnellstmöglich wieder Leistung bringen zu können, sondern erst einmal ganz leer werden von dem, was mich antreibt, und spüren, was mich wirklich bewegt.

Und wer weiß schon, ob der innere Türsteher nicht längst darauf wartet, dass er mich, wenn ich eng geworden bin und es mir die Luft abschnürt, ins Weite schicken kann. Denn nicht alles hängt von mir und meinem Tun ab. Sondern ein ganz anderer ist es, der das Vollbringen schenkt.


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Dieser Beitrag wurde am 22.01.2021 gesendet.


Über den Autor Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak, Jahrgang 1962, ist Direktor der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Zuvor war er tätig als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg, als Ökumenereferent der Diözese Würzburg und als Leiter von „Theologie im Fernkurs.“ Dvorak ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kontakt
Katholische Akademie Domschule
Am Bruderhof 1
97070 Würzburg
rainer.dvorak@domschule-wuerzburg.de
www.domschule-wuerzburg.de

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