Wort zum Tage, 21.01.2021

von Dr. Rainer Dvorak, Würzburg

Captain Tom

Kennen Sie schon die Geschichte von dem Engländer Tom Moore? Er hatte es zuletzt nicht leicht: Die Hüfte gebrochen und dazu noch der Krebs. Und das mit 99 Jahren. Eigentlich ist das in diesem Alter das Aus.

Doch jetzt steht er mit neuer Hüfte tatsächlich wieder auf seinen Beinen. Und mit Hilfe eines Rollators kann er sogar wieder einige Schritte laufen. Er ist einfach nur glücklich – und dankbar, weil er so gut von Ärzten und Pflegern versorgt worden ist,

„von den supertollen Schwestern,“

wie er sagt,

„die immer so freundlich und so geduldig sind.

Tom Moore will sich daraufhin bei ihnen bedanken und für den britischen Gesundheitsdienst Spenden sammeln. Sein Ziel sind zunächst: 1000 Pfund.

Dafür will er in seinem Garten 100 Runden mit dem Rollator drehen – jede Runde ist 25 Meter lang. Und bevor er am Monatsende seinen 100. Geburtstag feiert, will er die 100 Runden schaffen, mit 10 Runden am Tag.

Sein Enkel twittert den Spendenaufruf – und ahnt nicht, dass er damit eine Welle auslöst, die alle Rekorde sprengt: Schon am ersten Tag hat der Weltkriegsveteran 70.000 Pfund erschlurft, am Ende sind es 33 Millionen Pfund für den Nationalen Gesundheitsdienst – das ist Weltrekord: die höchste Summe, die jemals bei einem Spendenlauf erzielt wurde.

Von dem Geld können sich die Pflegekräfte des chronisch unterfinanzierten britischen Gesundheitswesens Atemschutzmasken und Schutzkleidung für den Kampf gegen die Corona-Pandemie kaufen. Und darüber hinaus erhalten sie jetzt Ruheräume, denn

„jeden Tag riskieren sie ihr Leben für uns und sie verdienen jeden Penny, der reinkommt“,

wie der Spendenläufer erklärt, den alle Welt mittlerweile nur noch „Captain Tom“ nennt.

Der britische Regierungschef Boris Johnson nennt ihn ein

„Leuchtfeuer im Nebel des Coronavirus“,

die Queen schlägt ihn gar zum Ritter, weil der inzwischen 100-jährige vielen Menschen in der Corona-Krise Hoffnung geschenkt hat.

Und das, obwohl es so aussah, als könne der hilflose alte Mann mit der gebrochenen Hüfte nichts tun – und doch hat er den Ärzten, den Pflegerinnen und Pflegern in all seiner Gebrechlichkeit das Gefühl geschenkt, gebraucht zu werden, und mit seiner Dankbarkeit das Gefühl, Sinnvolles zu tun.

Patienten und Pflegende – ein Kreislauf von Nehmen und Geben umfängt sie. Beide empfangen und beide geben, beide sind Beschenkte. So werden sie einander zum Segen. Und der tut beiden gut.


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Dieser Beitrag wurde am 21.01.2021 gesendet.


Über den Autor Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak, Jahrgang 1962, ist Direktor der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Zuvor war er tätig als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg, als Ökumenereferent der Diözese Würzburg und als Leiter von „Theologie im Fernkurs.“ Dvorak ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kontakt
Katholische Akademie Domschule
Am Bruderhof 1
97070 Würzburg
rainer.dvorak@domschule-wuerzburg.de
www.domschule-wuerzburg.de

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