Wort zum Tage, 20.01.2021

von Dr. Rainer Dvorak, Würzburg

Lost Places

Viele Sprossenfenster sind schon blind vor Staub, einige eingeworfen und notdürftig mit dicken Brettern vernagelt. Sie können aber Wind und Wetter nicht davon abhalten, ins Innere der verlassenen Halle einzudringen.

Kletterpflanzen haben sich in die Fassade verbissen, die Tür hängt schief in nur noch einer Angel und schwingt bei jedem Windzug.

Oft läuft Günther Klebinger an der ehemaligen Lackiererei vorbei, wenn er Einkaufen geht. Eines Tages aber geht der Fotograf mit seiner Kamera hinein und schaut sich um.

Drinnen findet er besprühte Wände, umgeworfene Stühle, aus der Wand gerissene Waschbecken, dazu Schimmel auf den Fliesen. Die Industrieruine zieht ihn sofort in seinen Bann.

„Ein paar Meter weiter läuft das normale Leben, aber hier drin ist die Zeit stehen geblieben.“

Dabei haben hier viele Jahre lang Maschinen gerattert und Menschen gearbeitet. Verblichene Arbeitspläne, über die sich jetzt Spinnennetze ziehen, erzählen davon.

Die Bilder des Fotografen sind traurig und faszinierend zugleich, sie fangen den morbiden Charme des Verfalls ein und erinnern an das Leben, das sich hier einmal abgespielt hat.

Wie Günter Klebinger lassen solche verlassenen Orte viele Menschen nicht mehr los. Überall auf der Welt steigen sie in sog. „lost places“ ein, in ehemalige Fabriken, Krankenhäuser, Kraftwerke, Bahnhöfe.

Meist ist es illegal und ziemlich gefährlich. Aber sie kommen nicht in der Absicht, etwas zu zerstören. Sie betreten die Räume achtsam und mit Respekt, schauen sich um, genießen Stille und die Faszination des Raumes.

Manchmal bleiben sie auch über Nacht. Sie nehmen nichts mit außer Fotos und hinterlassen nichts außer Fußabdrücke.

Warum machen Menschen das? Suchen Sie das Abenteuer, das es in der weiten Welt nicht mehr gibt, weil sie bis in den letzten Winkel erforscht ist? Suchen Sie Orte, die das genaue Gegenteil sind von Perfektion und Lifestyle? Die so gar nichts versprühen von Profit und Konsum?

„Wir wollen als Fotografen die Schönheit des Vergehenden herausarbeiten.“

So hat es einmal jemand aus der Szene erklärt. Vielleicht liegt hier ja der Schlüssel für den Reiz der lost places: Dass das Auge des Betrachters dem Vergehenden Schönheit entlocken kann. Und dass auch das augenscheinlich Abstoßende eine Würde erhält.

In lost places sind Menschen einem Geheimnis auf der Spur: Stillstand und Bewegung, Zerstörung und Vollkommenheit, Zeit und Ewigkeit sind sich näher, als Menschen das für möglich halten. Mehr noch: Ohne die Vergänglichkeit gibt es keine Zukunft.


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Dieser Beitrag wurde am 20.01.2021 gesendet.


Über den Autor Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak, Jahrgang 1962, ist Direktor der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Zuvor war er tätig als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg, als Ökumenereferent der Diözese Würzburg und als Leiter von „Theologie im Fernkurs.“ Dvorak ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kontakt
Katholische Akademie Domschule
Am Bruderhof 1
97070 Würzburg
rainer.dvorak@domschule-wuerzburg.de
www.domschule-wuerzburg.de

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