Wort zum Tage, 19.01.2021

von Dr. Rainer Dvorak, Würzburg

Anliegenbücher

Manchmal ist die ganze Seite eng beschrieben: Da sind die Wörter und Sätze nur so herausgeflossen, Zeile an Zeile, dicht an dicht, bis an den Seitenrand.

Eine andere Seite ist schön gestaltet, die Wörter harmonisch aufs Blatt verteilt, die kunstvolle Schrift lässt einen älteren Verfasser vermuten.

Die nächste Seite hat jemand herausgerissen. Auf wieder einer anderen schildert ein Unfallopfer ausführlich seine Verletzungen.

Im Kontrast dazu finde ich auf einer Seite nur ein einziges Wort:

Warum?

– geschrieben in dicken Buchstaben mit viel Druck auf dem Stift.

Im Raum der Stille des Klinikums liegt dieses Buch. Patienten, Angehörige, Besucher und Klinikpersonal – alle sind eingeladen, dort innezuhalten und aufzuschreiben, was sie bewegt.

Mal anonym, mal mit Namen versehen finden sich dort ein Dank, eine Bitte, eine Anklage oder auch ein Bild.

„Schatz der Erinnerung“,

nennen die Klinikseelsorgerinnen und Klinikseelsorger das. Er hat sich über die Jahre in den sogenannten Anliegenbüchern angesammelt.

Ab und zu lesen die Seelsorger bei ihren Gottesdiensten aus ihnen vor und nehmen die Anliegen auf in Fürbitten und im Gebet. Eine Seelsorgerin erzählt:

„Die Anliegenbücher sind ein Widerhall dessen, was im Raum der Stille mit jedem Einzelnen passiert. Hier in der Klinik, wo es um die Existenz geht, ist jeder bewegt und wenn man im Anliegenbuch blättert und liest, relativiert sich das eigene Schicksal.“

Wie gut, dass es mit diesen Büchern im Raum der Stille einen Ort gibt, wo die Sorgen und Nöte, das Klagen und Jammern, aber auch die Dankbarkeit hingehören. Da zeigen Menschen offen ihre Ohnmacht und ihre Verwundbarkeit, andere Menschen teilen sie und tragen sie mit. Das ist menschlich.

Wenn ich in solchen Anliegenbüchern lese, was andere sich von der Seele geschrieben haben, bin ich immer wieder beeindruckt von dem Vertrauen, das in den Texten zum Ausdruck kommt. Vieles in ihnen bezieht sich auf ein Gegenüber, richtet sich an Gott.

„Lieber Gott, hilf, dass meine Mama bald wieder gesund wird“,

steht da in schiefen Kinderbuchstaben, ungelenk, mit Rechtschreibfehlern, aber voller Vertrauen. Auch Erwachsene setzen ihre ganze Hoffnung in ihre Anliegen.

Die Menschen erwarten etwas von Gott. Sonst würden sie ihn nicht um seine Hilfe bitten, nicht schreien und klagen. Sie setzen darauf, dass er sich vom Elend jedes Einzelnen bewegen lässt und darauf Einfluss nimmt.

Wenn Menschen Gott ihre Verzweiflung und ihre Verwundungen zeigen, dann vertrauen sie darauf, dass er ganz bei ihnen ist. Menschlich wie er ist.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 19.01.2021 gesendet.


Über den Autor Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak, Jahrgang 1962, ist Direktor der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Zuvor war er tätig als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg, als Ökumenereferent der Diözese Würzburg und als Leiter von „Theologie im Fernkurs.“ Dvorak ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kontakt
Katholische Akademie Domschule
Am Bruderhof 1
97070 Würzburg
rainer.dvorak@domschule-wuerzburg.de
www.domschule-wuerzburg.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche