Wort zum Tage, 18.01.2021

von Dr. Rainer Dvorak, Würzburg

Geheimnisse

„Wer hat das Herz im Kopf?“,

fragt mich der Nachbarsjunge. Rätsel liebt er halt über alles. Und er kann sich köstlich amüsieren, wenn ich mir wieder einmal meinen Kopf über seinen Knobelaufgaben zerbreche.

„Also, wer hat sein Herz im Kopf?“

Ein Rätsel zu knacken – das hat seinen ganz eigenen Reiz. Sudokus, Kreuzworträtsel, Denksportaufgaben – der Verstand des Menschen will gebraucht werden, so wie die Muskeln seines Körpers. Nichts macht den Menschen zufriedener als das Gefühl, sich über ein Problem den Kopf zerbrochen und es dann doch noch gelöst zu haben.

Wissenschaftler, die die Rätsel der Menschheit lösen wollen, machen dieses Gefühl sogar zu ihrem Lebensprogramm. Vielleicht steckt dahinter die leise Hoffnung: Wer ein kniffliges Rätsel gelöst hat, der wird auch noch mit ganz anderen Problemen fertig.

Doch wenn ein Rätsel gelöst ist, hört es auf, ein Rätsel zu sein. Wer hat das Herz im Kopf? Ganz einfach: Der Salat! Wenn ich aber einmal weiß, dass es der Salat ist, der sein Herzchen im Salatkopf hat, dann hat dieses Rätsel seinen Reiz verloren.

Es gibt aber auch Dinge in unserem Leben, die werden immer interessanter, obwohl wir sie zur Genüge kennen.

Das sind die Geheimnisse. Auch wenn wir sie verstehen, hören sie nicht auf, Geheimnisse zu bleiben. Sie lassen sich nicht einfach auflösen. Sie können beflügeln und geben Kraft, sie sind etwas, was diese Welt bereichert. Menschen lieben Geheimnisse. Und sie brauchen das Geheimnisvolle, das sie umgibt.

Für Kinder ist es vielleicht der Dachboden bei den Großeltern oder die Höhle im Gebüsch, für Touristen ein anheimelnder Platz mitten in der Stadt, der ein Gefühl der Geborgenheit schenkt. So gibt es manches Geheimnis im Leben eines Menschen.

Für mich ist die Liebe zwischen Menschen so ein Geheimnis. Man kann sie nicht einfach knacken und auflösen wie ein Rätsel. Man kann über sie nur staunen. Je mehr wir von ihr ergriffen werden, umso geheimnisvoller wird sie. Sie zieht uns an.

Wenn sich zwei Menschen lieben, dann schwingt da etwas mit, was wir gerade nicht ein für allemal in Worte fassen können. Deshalb gibt es ja so viele Liebeslieder, Liebesgedichte, Liebeserklärungen.

Und die Liebe ist für mich der Beleg dafür, dass auf dieser Welt mehr möglich als das, was wir kalkulieren und mit dem Verstand beherrschen können. Sie ist für mich das größte Geheimnis. Es lässt mich ahnen, wie tief die Welt ist.


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Dieser Beitrag wurde am 18.01.2021 gesendet.


Über den Autor Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak, Jahrgang 1962, ist Direktor der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Zuvor war er tätig als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg, als Ökumenereferent der Diözese Würzburg und als Leiter von „Theologie im Fernkurs.“ Dvorak ist verheiratet und hat drei Kinder.

Kontakt
Katholische Akademie Domschule
Am Bruderhof 1
97070 Würzburg
rainer.dvorak@domschule-wuerzburg.de
www.domschule-wuerzburg.de

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