Am Sonntagmorgen, 17.01.2021

von Michael Kinnen, Trier

„He has a dream!“ Papst Franziskus und sein Traum von einer Zeit nach Corona

Was kommt, wenn die Corona-Krise vorbei sein wird? Wollen wir zurück zu dem, was vorher war? Papst Franziskus hat darauf eine Antwort und konkrete Ideen.

© Ashwin Vaswani / Pexels

„Wann kann ich meine Träume wieder leben?“

So hat der Bundespräsident vor ein paar Wochen seine Weihnachtsansprache begonnen. Eine Frage, die viele Bürgerinnen und Bürger bewegt. Corona hat so manches durcheinander gebracht.

Und auch wenn es jetzt langsam Licht am Ende des Tunnels gibt – die Frage und Sehnsucht bleibt: Wann kann ich meine Träume wieder leben?

Wenn Corona mal vorbei ist, dann gehen wir Essen, richtig groß. Und ins Kino. Und in Urlaub. Oder wenigstens ins Spaßbad in der Therme. Dann treffen wir uns wieder. Wenn Corona mal vorbei ist, dann...

Die Krise richtig nutzen

Ob Bundespräsident, Bürgerin und Bürger, Bauer, Barista oder Boutique-Besitzerin: viele träumen sehnsüchtig: am Beginn des neuen Jahres; wenn in den USA jetzt eine neue Ära beginnt; wenn bei uns die Weichen gestellt werden für das Wahljahr 2021; wenn wir in Sachen Corona-Krise hoffen auf eine gute, eine bessere „Zeit danach“.

Gerade ist ein neues Buch erschienen:

„Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise“([1]). 

Der Autor – kein Geringerer als der Papst. Da schreibt Papst Franziskus:

„Aus der Krise können wir besser oder schlechter hervorgehen. Wir können rückwärtsgleiten oder wir können etwas Neues schaffen. Was wir jetzt brauchen, ist die Chance, uns zu verändern, Raum für das zu schaffen, was jetzt nottut.“([2])

Das, was jetzt „nottut“: Der Papst hat sich immer wieder zu Wort gemeldet in der Corona-Krise - in Predigten, in Ansprachen und sogar auch in einer Enzyklika: Im Oktober ist sie erschienen „Fratelli tutti“ ([3]): Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft, wie der Untertitel lautet.

Ein Virus stoppt die Welt

Innerhalb von zwei Monaten also ein so gewichtiges Papstwort wie eine Enzyklika und dann noch ein Buch von ihm. In beiden geht es um Grundthemen, die den Papst beschäftigen, gerade jetzt in der Corona-Zeit, wenn die „eigenen Kategorien und Denkweisen und Prioritäten erschüttert und herausgefordert werden.“ ([4])

„In unserer Welt sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“ ([5])

Das Virus. Eine Krankheit. Und eine kranke Welt. Nicht nur medizinisch. Auch wirtschaftlich und sozial, im Umgang miteinander ist manches krank, schon vor Corona. In der Umwelt. Mit den Mitmenschen. Was kann da helfen, was kann heilen? Darum geht es im „Traum von Papst Franziskus“ von einer „Zeit nach Corona“.

Eine Enzyklika wie ein Vermächtnis

Das eine ist die Enzyklika. Mehrere hundert Seiten lang, viele Zitate. Da wiederholt der Papst auch manches, was er selbst schon früher gesagt und geschrieben hat. Es ist ihm wichtig: die Folgen der Globalisierung für die, die ausgebeutet und vergessen werden. Die soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde und Lebensschutz für alle: im Mutterleib genauso wie in den Flüchtlingslagern von Mória.

Es geht um verantwortliches Wirtschaften und gute Arbeitsbedingungen, um Schöpfungsverantwortung und interreligiösen Dialog als Zukunftsthema – um die Schatten einer abgeschotteten Welt, um engstirnige Nationalismen und Populismus.

Es geht um „Land, Wohnraum und Arbeit“ ([6]). Auch darum, wie wir „nach Corona“ miteinander leben wollen, wenn die sozialen Gräben noch sichtbarer werden. Alles wichtige Themen.

Als wolle der 84-jährige Papst noch einmal alles reinpacken in so ein lehramtliches Schreiben: Wie ein Vermächtnis. Manchmal allgemein. Und manchmal ganz konkret: Nein zum Krieg. Nein zur Todesstrafe. Nein zu dem, was Lebensgrundlagen zerstört. Ja zum Leben! Das ist umfassender, glaubwürdiger Lebensschutz.

Als wolle der Papst vermeiden, dass die Enzyklika nur in theologischen Bibliotheken landet, hat er jetzt nochmal nachgelegt. Mit dem Buch:

„Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise“

Das liest sich leichter, kommt fast ohne Fußnoten aus – und hat doch nicht weniger an treffenden Themen und tiefer Theologie zu bieten.

Es kommt mir vor, als wenn der Papst da eine Lesehilfe liefern will für das, was ihm wichtig ist: Gesunde Ökologie. Gerechte Ökonomie. Gelebte Ökumene. In der „Sorge für das gemeinsame Haus“ ([7]) Erde – mit einem guten Platz für alle.

Wie der Papst dabei vorgeht

Der Papst nutzt einen bewährten Dreischritt: Wahrnehmen, was ist – unterscheiden und entscheiden, um dann zu handeln:

„Sehen, wählen, handeln“,

nennt er das. Da ist der Papst in der Spiritualität von Ignatius von Loyola unterwegs, dem Gründer des Jesuitenordens, dem er selbst angehört.

Es geht um Fragen wie diese: Was brauche ich; was brauchen andere? Worauf kann ich verzichten? Was will ich weitergeben? Was ist mir heilig? Was hilft mir beim Wachsen als Mensch? - Oder: Wie es sprichwörtlich heißt: Wo träume ich mein Leben? Und wo lebe ich meinen Traum?

Drei große Schlüssel finde ich für mich in der Vision von Papst Franziskus für die kommende Zeit, für den Weg aus der Krise: Dialog, Solidarität und Zuversicht.

Im Dialog bleiben

Zunächst: Der Dialog. Und da ist auch schon das erste mögliche Missverständnis, wie der Papst schreibt:

„Häufig wird der Dialog mit etwas ganz anderem verwechselt, nämlich einem hitzigen Meinungsaustausch in sozialen Netzwerken, der nicht selten durch nicht immer zuverlässige Medieninformationen beeinflusst wird. Das sind nur parallel verlaufende Monologe, die vielleicht durch ihren lauten, aggressiven Ton die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen. Monologe aber verpflichten niemanden, so dass ihr Inhalt nicht selten opportunistisch und widersprüchlich ist.“ ([8])

Dialog ist mehr: Der Papst ruft dazu auf, im Dialog zu bleiben bei unterschiedlichen Meinungen auch im eigenen Umfeld. Und er zeigt es ganz praktisch: etwa beim großen Thema „Interreligiöser Dialog“, wenn er in der Enzyklika ausführlich den Großimam von Kairo, Ahmad al-Tayyib, zitiert und mit ihm gemeinsam Ideen „... für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ ([9]) entwickelt.

Da ist Papst Franziskus ganz in der Tradition seines Namenspatrons, des heiligen Franz von Assisi, der in der Zeit der Kreuzzüge mit dem Sultan von Kairo den Grundstein für die Annäherung von Christentum und Islam gelegt hat, während Fanatiker auf beiden Seiten sich die Köpfe einschlugen.

Solidarität über den eigenen Kirchturm hinaus

Ein zweiter Schlüssel, um den Traum von Papst Franziskus zu verstehen, ist die Solidarität. Auch da will der Papst nicht missverstanden werden:

„Wenn ich von Solidarität spreche, dann meine ich viel mehr als nur die Förderung philanthropischer Werke oder die Finanzhilfen für diejenigen, die nichts haben. Denn Solidarität ist nicht das Teilen der Krümel von unserem Tisch, sondern bedeutet, für jeden einen Platz am Tisch zu schaffen.“ ([10])

Gemeinschaft. Über den eigenen Kirchturm und Tellerrand hinausdenken. Nicht eingeigelt-egoistisch in nationalistischen Grenzen, auch nicht spirituell abgeschottet gegen die böse Welt da draußen; sondern: Die strukturellen Ursachen für Armut und Ungerechtigkeit ansehen, sich ans Herz gehen lassen und nicht mitlaufen, wenn vermeintliche Massen marschieren.

Da wird der Papst dann auch konkret bei so manchen Gruppen – weltweit – die die Solidarität populistisch verdrehen und völkisch nur das Eigene sehen:

„Die geschlossenen populistischen Gruppen verzerren das Wort 'Volk'. (…) Ein lebendiges, dynamisches Volk mit Zukunft ist jenes, das beständig offen für neue Synthesen bleibt, indem es in sich das aufnimmt, was verschieden ist. (…) Auf diese Weise kann es sich weiterentwickeln.“ ([11])

Die Solidarität. Sie ist der Schlüssel für ein gutes Leben für alle, von dem Papst Franziskus träumt.

Zuversicht bewahren

Und ein dritter Schlüssel – mindestens genauso groß wie die beiden anderen: Die Zuversicht. Auch wenn der Papst das Wort „Zuversicht“ in der Enzyklika nicht ein einziges Mal ausdrücklich erwähnt, so ist es doch der Subtext und Motor für all die Zeilen – und auch der Untertitel in seinem neuen Buch. In der Enzyklika benutzt der Papst mehrfach das ähnliche Wort „Hoffnung“:

„Ich lade zur Hoffnung ein. (...) Die Hoffnung ist kühn. Sie weiß über die persönliche Bequemlichkeit hinauszuschauen, über die kleinen Sicherheiten und Kompensationen, die den Horizont verengen – um sich großen Idealen zu öffnen, die das Leben schöner und würdiger machen. Schreiten wir voller Hoffnung voran!“ ([12])

Zuversicht ist begründete Hoffnung, trotz aller Widrigkeiten des Lebens. Der Papst strahlt sie aus. Auch in so eindrucksvollen Zeichen wie im letzten März, als er in der Einsamkeit des ersten Corona-Lockdown alleine auf dem leeren Petersplatz für die Welt gebetet und den Segen „urbi et orbi“ gesprochen hat.

Auch wenn das für manche vielleicht hilflos erschien, so allein auf dem verregneten Petersplatz: Trostlos war es nicht. Der Papst hat damit ein Zeichen gesetzt, dass in der Einsamkeit und in den Stürmen des Lebens die Zuversicht aus dem Glauben stark ist.

Und er hat dazu auch ein biblisches Bild benutzt: Als die Jünger bei einem Sturm auf dem See in Panik geraten, da beruhigt Jesus sie damit, dass er ihr Vertrauen, ihre Zuversicht herausfordert mit der Zusage, dass Gott niemanden allein lässt. Daran erinnert der Papst auch in den Stürmen der Corona-Zeit:

„Der Herr fordert uns heraus, und inmitten des Sturms lädt er uns ein, Solidarität und Hoffnung zu wecken und zu aktivieren, die diesen Stunden, in denen alles unterzugehen scheint, Festigkeit, Halt und Sinn geben.“ ([13])

Nichts als schöne Worte auf Papier?

Dialog, Solidarität und Zuversicht in begründeter Hoffnung: Das soll orientieren für die kommende Zeit: Eine Vision. Ein Traum. Oder ist das allzu naive Träumerei, was der Papst da schreibt? Es gibt natürlich auch Kritik an seinem „Traum“.

Den einen ist er viel zu politisch, wenn er als ein Vorschlag so etwas wie ein „universelles, bedingungsloses Grundeinkommen“ ([14]) fordert, um mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen.

Den anderen ist er zu wenig auf die eigenen Probleme in der Kirche eingegangen: die Frauenfrage, die Frage des sexuellen Missbrauchs, die Fragen von Macht und Gerechtigkeit auch in der Kirche.

Wo ist da nicht nur der Traum? Wo handelt da der Papst für eine bessere, gerechtere, solidarischere Kirche und Welt? Vielleicht sind es zunächst nur Worte. Aber aus Worten können Taten werden, kann sich etwas entwickeln. Das weiß auch der Papst.

„Zwei Worte fallen mir da ein: sich dezentrieren, also sich von sich selbst lösen, und transzendieren, übersteigen.“ ([15]) 

Nicht nur um sich selber kreisen, sondern: sich losmachen, hinausgehen, wachsen. Der Papst benutzt dazu das Bild eines Pilgers: Den packt die Sehnsucht, er bricht auf, lässt Vertrautes und Eingefahrenes hinter sich, hat ein Ziel vor Augen und erweitert seinen Horizont.

Muss es ein „Back to normal“ geben?

Wer mal auf einer Pilgerreise war, der weiß, dass einen das verändert. Niemand kommt so zurück, wie er gegangen ist. Neue Perspektiven und Horizonte tun sich da auf. Das ist auch die Hoffnung für das, was die Corona-Krise verändern kann: dezentrieren und transzendieren. 

Vielleicht ist ein „back to normal“ gar nicht der beste Weg. Vielleicht entstehen in der Krise neue, kreative Wege in die Zukunft. Und dabei kommt sehr viel darauf an, was ich daraus mache.

Da muss ich gar nicht auf die Anderen warten. Dann kann jeder und jede seinen und ihren Traum von einer besseren Welt schon heute leben. Träumerei? – Oder Vision? Der Papst jedenfalls ermutigt zu Solidarität und Zuversicht:

„Lass dich mitreißen, aufrütteln, herausfordern! (…) Vielleicht wird es ein Altenheim in der Nähe oder das Aufnahmezentrum für Flüchtlinge oder das Projekt zur ökologischen Regeneration sein, das dich ruft. Oder vielleicht sind es Menschen zu Hause, die dich brauchen. (…) Und dann handle. (…) Sage, dass du Teil einer besseren Welt sein möchtest und dass du denkst, dass dies ein guter Anfang wäre.“ ([16])

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Chilly Gonzales – Manifesto

Beethoven – Piano Sonata No.8 „Pathétique“


[1]   Papst Franziskus, Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise, Kösel-Verlag München 2020.

[2]   Papst Franziskus, Wage zu träumen!, S. 11.

[3]   Deutsche Übersetzung auf der Vatikanseite: http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html

[4]   Wage zu träumen!, S. 7.

[5]   Papst Franziskus am 27. März 2020 – Ansprache beim Segen „Urbi et Orbi“ auf dem Petersplatz: http://www.vatican.va/content/francesco/de/messages/urbi/documents/papa-francesco_20200327_urbi-et-orbi-epidemia.html.

[6]   Wage zu träumen!, S. 155 und S. 163 ff.

[7]   So der Untertitel seiner ersten Sozialenzyklika „Laudato Si“ (24. Mai  2015), die er auch hier mehrfach zitiert. – Deutscher Text: http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html

[8]   Fratelli tutti, Nr. 200.

[9]   Deutscher Text der gemeinsamen Erklärung von Abu Dhabi (4. Februar 2019): http://www.vatican.va/content/francesco/de/travels/2019/outside/documents/papa-francesco_20190204_documento-fratellanza-umana.html

[10]  Wage zu träumen!, S. 142.

[11]  Fratelli tutti, Nr. 160.

[12]  Fratelli Tutti, Nr. 55.

[13]  Papst Franziskus am 27. März 2020 – Ansprache beim Segen „Urbi et Orbi“ auf dem Petersplatz: http://www.vatican.va/content/francesco/de/messages/urbi/documents/papa-francesco_20200327_urbi-et-orbi-epidemia.html.

[14]  Wage zu träumen!, S. 169.

[15]  Wage zu träumen!, S. 171.

[16]  Wage zu träumen!, S. 174.


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Dieser Beitrag wurde am 17.01.2021 gesendet.


Über den Autor Michael Kinnen

Michael Kinnen, Jahrgang 1977, studierte Theologie in Trier, Frankfurt und Mainz. Er absolvierte die studienbegleitende Journalistenausbildung an der katholischen Journalistenschule in München und ist seit 1998 für verschiedene Programme der Kirche im Radio "auf Sendung". Zum Thema "Gott in Einsdreißig - Fides et 'Radio'" promovierte er an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt zum Verkündigungsauftrag der Katholischen Kirche im Privatfunk. Berufliche Stationen führten ihn von Mainz über Berlin nach Trier. Michael Kinnen ist verheiratet und Vater einer Tochter. Kontakt: info@radiopredigt.de

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