Morgenandacht, 15.01.2021

von Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Berufswunsch: Engel

Wie gewöhnlich kommt sie mir schon im Flur entgegengerannt … doch diesmal ist etwas anders … sie trägt Flügel, Engelsflügel.

Ich werde mal Engel, Schutzengel – ruft sie mir entgegen … und bei mir angekommen, stellt sie sich vor mir hin, breitet ihre Arme aus und tut … NICHTS.

Gott sei Dank taucht ihre Großmutter auf und hilft mir aus meiner Verwirrung.

Abendsegen – klärt sie mich auf – sie haben in der Musikschule Humperdincks Hänsel und Gretel gehört und angeschaut … und nun singen und beten wir jeden Abend den Abendsegen!

Ja – tönt es begeistert vom kleinen Engel zu mir herauf – Abends wenn ich schlafen geh, vierzehn Engel um mich stehn …

Na, das ist schön – kommt es mir leicht pastoral über die Lippen – aber warum willst Du ein Schutzengel werden?

Und ohne lange zu überlegen kommt es voller Überzeugung zurück: Die tun wichtige Sachen für Kinder! Die passen auf, dass ihnen nichts passiert, wenn sie schlafen …

Nicht nur, wenn sie schlafen – entgegne ich! Engel und ganz besonders Schutzengel haben noch wesentlich mehr zu tun und sind auch nicht nur für Kinder da, sondern für alle Menschen …

Echt? Erzähl! – kommt der englische Befehl – und ich lasse mich nicht zweimal bitten:

Engel sind Teil des himmlischen Hofstaats. Sie sind Gottes Helfer und immer bei ihm UND sie sind seine Boten. Gott schickt sie los, jemandem eine Nachricht zu überbringen und zu helfen – wie du es in Deiner Kinderbibel ja angucken kannst.

Da ist zum Beispiel der Engel im Buch Exodus, der dem Mose eine Botschaft bringt und den Namen Gottes verrät, da im Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt (Ex 2,4; Gen 48,15f) … und da ist der Engel Rafael im Buch Tobit, der den Tobias auf seiner Reise begleitet und beschützt (Tob 5) …

… oder das ist der Engel Gabriel, der der Maria sagt, dass Gott sie ausgewählt hat, den Jesus auf die Welt zu bringen (Lk 1:26-33) … - ruft sie begeistert dazwischen!

Genau! Dabei tauchen die Engel immer wieder überraschend auf, sie lassen sich nicht bitten oder durch irgendwelche Bemühungen herbeirufen. Man merkt es, wenn sie da sind … man erschreckt sich oder freut sich ganz doll!

Aber vor allem handeln sie im Auftrag und im Dienst Gottes (Hebr 1,13) – darum heißen die Engel auch immer so seltsam: Rafael – Gott heilt oder Gabriel – Kraft Gottes! Also kann man sie NIE ohne Gott denken, denn nur wenn man an Gott glaubt, dann kann man an Engel glauben.

Außerdem – so fahre ich fort – weiß keiner, wie Engel wirklich aussehen … zumindest steht davon nichts in der Bibel … und so kann es sein, dass sie Flügel haben oder nicht, kann es sein, dass sie aussehen, wie dein Opa oder wie ein kleines Kind. Kann es sein, dass man sie sehen kann oder nicht.

Vielleicht ist die Lehrerin in der Musikschule ein Engel oder die Oma … - kommt es leise überlegend zurück …

Vielleicht … aber für dich ist es wichtig zu wissen, da du ja ein Schutzengel werden willst, dass so ein Engel eher eine Aufgabe ist und nicht das Aussehen beschreibt.

Ein Engel ist daher immer etwas, wo Gott für dich und mich und die Oma und den Opa und alle Menschen jemanden oder etwas beauftragt, etwas zu tun.

Und das können tatsächlich Menschen sein (cf. Johannes der Täufer-Mk 1:2), wie z.B. deine Oma, die dir immer sagt, dass Du nicht einfach über die Straße laufen darfst, sondern zuerst gucken musst oder es können Träume sein (cf. Mt 1:20).

Wichtig ist nur, dass das alles von Gott kommt und Gott uns so seine Nähe, seinen Schutz und seine Liebe zeigt – und darauf kannst du vertrauen. Wenn du also glaubst, dass Gott Engel schickt und du sie in deinem Leben spüren kannst aber nicht unbedingt sehen musst, dann ist das schon der erste Schritt, ein Schutzengel zu sein.

Dann braucht so ein Engel ja gar keine Flügel – ruft mir der kleine Engel zu!

Nein! Je weniger man versucht, wie ein Engel auszusehen oder einen Engel zu sehen, desto größer ist die Chance, ein Engel zu werden oder ihn in seinem Leben zu entdecken.  

Dann bin ich ab jetzt ein Geheimengel – und indem sie sich die Engelsflügel von den Schultern reißt, springt die fünfjährige Enkeltocher meiner Nachbarin in Richtung Küche … und singt: Brüderchen, komm tanz mit mir

Aber das ist eine andere Geschichte!


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Dieser Beitrag wurde am 15.01.2021 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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