Morgenandacht, 14.01.2021

von Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Mein Schatz…

Kennen Sie den Herrn der Ringe? Diese Roman-Trilogie von Tolkien angesiedelt in dem fiktional-mythischen Kontinent Mittelerde?

Hier tobt der Kampf Gut gegen Böse. In Allem erzählt die Trilogie dabei die Geschichte eines Rings, mit dessen Vernichtung die böse Macht in Gestalt Saurons untergehen soll.

Der Ring ist sozusagen der Roten Faden, der die Trilogie zusammenhält, die Handlung auf ihr Ziel hin vorantreibt und ihre handelnden Personen zusammenführt. Dieser Ring ist

„Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“

Dabei steht eine Kreatur aus Tolkiens Welt im Mittelpunkt aller Geschehnisse: Gollum.

Als Hobbit geboren und damit friedlich und friedliebend wird ihn der Ring und sein Besitz zu einer grausam-bemitleidenswerten Kreatur machen. Der Ring – bei einem Streit um ein Geschenk durch Mord erworben – wird sein Wesen verändern: Gollum wird mit der Zeit misstrauisch, heimtückisch und scharfsinnig für alles, was andere verletzen kann.

Ausgestoßen aus seiner Familie und seinem Stamm beginnt er, seine Umwelt zu hassen. Nichts und niemanden kann er mehr ertragen. Und mit der Zeit verdirbt der Ring seine Seele fast völlig! Gollum nennt den Ring nur noch „seinen Schatz“, den er eifersüchtig verteidigt.

Und als er ihn verliert, setzt er alles daran, seinen Schatz wieder zurückzugewinnen.

Warum ich Ihnen das so breit erzähle? Weil ich in Tolkiens Geschichte eine Parallele zum biblischen Gleichnis vom reichen Kornbauern entdecke. Auch da geht es um einen Schatz und darum, was dieser Schatz mit seinem Besitzer tut!

In beiden Erzählungen geht es um Habgier, es geht um die Knechtschaft des Besitzes und Besitzen-wollens, es geht um die Endlichkeit des weltlichen Besitzes und es geht darum, wie all das das Wesen des Menschen verändert.

Im biblischen Gleichnis sieht der Kornbauer einer reichen Ernte entgegen. Er überlegt bei sich, was er mit dem kommenden Reichtum machen soll und beschließt, größere Scheunen zu bauen, um dann auf Jahre froh seinen Reichtum zu genießen. Er beschließt, alles für sich zu behalten!

Gott aber macht diesen menschlichen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Noch am selben Abend wird der Bauer sterben. Der irdische Reichtum – für sich bewahrt – ist nichts mehr wert.

Jesus verweist dann auch im Gleichnis vom reichen Bauern, der seinen Reichtum zum persönlichen Schatz erhebt, auf die Gefahren der Selbstbezogenheit, der Selbstgenügsamkeit und der Gottesferne!

Und so können wir den reichen Bauern – mit etwas Phantasie – in der Gestalt des Gollum erkennen.

Der reiche Bauer wird durch dieses reiche, unverhoffte Geschenk zu einem praktischen Atheisten, der einen Schatz hütet, der ihn entfremdet von seiner Umwelt, seinem Nächsten und von Gott. Nur auf sich bezogen, will er das genießen, was ihm allein gehören soll – der Nächste und Gott kommen dabei nicht vor. Sein hartes Herz verschließt er vor jeder Art von Mildtätigkeit und vor der Liebe Gottes!

Der weltliche Überfluss knechtet den reichen Bauern, er bestimmt sein Denken. Sein eifersüchtiges Bewahren hat ihn auf sich zurückgeworfen, von den anderen entfernt! Er hat mit seinem Reichtum nichts und niemanden erreicht! Und am Ende zahlt sich nichts davon aus.

Im Gleichnis vom Kornbauern zeigt uns Jesus aber auch einen Ausweg. Denn nicht das eifersüchtige Habenmüssen führt zum Reich Gottes, sondern das großzügige Gebenwollen!       

Verkauft euren Besitz, gebt Almosen! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel! So rät Jesus seinen Jüngern.

Und uns bleibt die Mahnung Jesu im Herz und im Ohr: Die Freigiebigkeit, die Erwartung des unendlichen himmlischen Besitzes wird unser Wesen verändern. Wer sich also vor der Illusion der materiellen Selbstsicherheit bewahrt, der erhält als Gottes Geschenk innere Sicherheit, Geborgenheit und ewige Zukunft über die Mauern des Todes hinaus. Denn nur so können wir das Reich Gottes erwerben.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 14.01.2021 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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