Morgenandacht, 13.01.2021

von Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Am Anfang ein Kuss…

Ich wusste gar nicht, dass es in der Bibel erotische Texte gibt…!      

Ok! Da stand ich nun, in meiner Küche und hantierte ganz profan mit der Kaffeemaschine herum … und meine Nichte hat nichts Besseres zu tun, als mir Vorhaltungen zu machen! … und ich höre mich kurz angebunden antworten: Wenn Du mal öfter Deine Nase in die Bibel und nicht immer in Dein Handy stecken würdest, dann wüsstest Du das … Und überhaupt, wie kommst Du darauf?

Und leicht errötend – oh Wunder – berichtet sie mir davon, dass ihr Dauerfreund angefangen habe, ihr kleine Zettel zuzustecken … mit Zitaten aus dem Hohelied Salomos – ein Buch des Alten Testaments mit einer Sammlung von zärtlichen, ja, teilweise explizit erotischen Liebesliedern, in denen das Suchen und Finden, das Sehnen und gegenseitige Lobpreisen zweier Liebender geschildert wird.

Und nachdem ich meiner Bewunderung für den Dauerfreund meiner Nichte Luft gemacht habe, seine Fähigkeit ausgiebig gelobt habe, kleine Zettel zu beschreiben, statt Social-Media-Kanäle zu nutzen und dann noch wortreich seinen kreativen Mut bewundert habe, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben, um in der ACHTUNG: Bibel nach Komplimenten für seine Herzensdame zu suchen und sie da auch noch zu finden, gebe ich meiner Nichte einen kleinen Überblick über Quelle und Inhalt ihrer Verzückung.

Das Hohelied – so hebe ich an – ist ein Text, in dem Mann und Frau abwechselnd ihre Liebe zueinander besingen und die Schönheit der geliebten Person preisen.

Es ist ein literarisch hoch komplexes und ja, auch hoch romantisches, wechselvolles Zusammenspiel von Begehren und Erfüllung, von Trennung und Vereinigung in einer metaphorischen, mehrdeutigen Sprache, die in der Kultur des Vorderen Orients verankert ist.

Doch vor allem ist es ein Buch, in dem die weibliche Sprecherin wesentlich häufiger zu Wort kommt als ihr männliches Pendant.

Und nach einer Kunstpause füge ich an: Irgendwie erinnert mich das an Dich und Deinen Freund …

Den Protest meiner Nichte überhörend monologisiere ich weiter: Diese diesseitige Liebeslyrik zwischen Braut und Bräutigam wird in der jüdischen und christlichen Tradition allegorisch gelesen, als Lied über den Bund Gottes als Bräutigam mit dem Volk Israel oder – christlich – der Kirche als Braut.

Und wie nebenbei frage ich: Er wird doch nicht um Deine Hand anhalten wollen – nach all den Jahren!?

Papperlapp – kommt es zurück! Erzähl‘ mehr vom Inhalt!

Nun ja! Herder, der Dichter, Übersetzer, Theologe und Geschichts- und Kultur-Philosoph der Weimarer Klassik, sagt in einem Text zum Thema, dass das Buch von Anfang bis Ende die Liebe zum Inhalt hat.

Mit einem Kuss fängt es an und endet mit einem zarten Seufzer. Die Liebe wird darin besungen, wie sie besungen werden muss: einfältig, süß, zart, natürlich; mal feurig, mal sehnend; vom Schuh des Mädchens bis zu ihrem Kopfputz, vom Turban des Jungen bis zu seinen Füßen.

Außerdem ist das alles sehr kurz gehalten – denn – so Herder – nichts in dieser Welt hasst lange Erörterung so sehr, wie die Liebe. Aber nichts fordert auch so innige ganze Gegenwart, wie die Liebe. Ist sie nicht da, dann kannst Du sie Dir auch nicht geben … ist sie aber da, dann musst Du sie genießen, denn sie kommt so nicht wieder.

Wenn ich es also recht besehe, dann hat dein Freund alles richtig gemacht …. Du musst es nun einfach nur genießen! Und mit gespielter Theatralik füge ich an:
Aber Eines bleibt seltsam?

Was? kommt misstrauisch zurück!

Du bist Dir sicher, dass er nicht um Deine Hand anhalten will … bei dem Aufwand und dem theologischen Grundverständnis für den Bibeltext, das er da an den Tag legt ...?

Papperlapp – schallt es über den Küchentisch!

Ich mein ja nur …- erwidere ich spöttisch! Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen!

Und ich – dabei deutet meine Nichte in ihre Tasse – freue mich über einen Kaffee … und eine Kopie von diesem Hohelied …aber bitte per Mail.

Tja – was die Liebe so alles anrichten kann …

 


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Dieser Beitrag wurde am 13.01.2021 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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