Morgenandacht, 12.01.2021

von Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Windhauch

"Windhauch, Windhauch, sagt Kohélet, das ist alles Windhauch."

(Koh 1,2)

Nicht nur für fromme Gemüter ist dieser biblische Ausspruch aus dem alttestamentlichen Buch Kohélet, entstanden etwa in dem 4. Jahrhundert v. Christus – gelinde gesagt – unbehaglich!

Und so ist diese Meditation über die Vergänglichkeit und Endlichkeit des Menschen, die die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, seit seiner Aufnahme in die Bibel auch immer unterschätzt und gerne missverstanden worden.

Völlig zu unrecht, wie ich meine, denn das Buch Kohélet hat einiges zu bieten, für Glaube und Leben! Und es ist uns – als moderne Menschen mit unserer allzumenschlichen Menschlichkeit – auch heute noch sehr nah!

Das Buch Kohélet muss daher im Zusammenhang mit der Absicht verstanden werden, eine sinnvolle Lebensführung zu finden; vor allem aber angesichts der beobachtbaren Realität eines wenig geordneten Tun-Ergehen-Zusammenhangs – also angesichts der oftmals ‚wenig realistischen‘ Hoffnung des Menschen, dass es dem Gerechten gut ergehen werde, dem Frevler aber schlecht.

Und noch eine Erkenntnis Kohélets ist zu betrachten: Der Tod löscht letztendlich jede Errungenschaft des Lebens aus. Hier auf Erden gibt es nichts Bleibendes, denn der Tod macht allem und jedem ein Ende.

Eigentlich ist der Tod sogar besser als das Leben – überhaupt – so lässt sich Kohelet vernehmen – nicht geboren worden zu sein, wäre das Beste überhaupt. Und so findet sich alles zusammen – Philosophie und Theologie – in dem Leitwort, das Kohélet seinem Text voranstellt:

"Windhauch, Windhauch, sagt Kohélet, das ist alles Windhauch."

Alles ist eitel, ist vergeblich. Alles ist metaphorisch gesehen, etwas Leichtes, Unbeständiges, Vergängliches.

Und genau das zeigt uns eines über Kohélet, sein Buch, seine Philosophie und seine Theologie: Er ist weit davon entfernt, abgehoben oder weltfremd zu sein. Er ist ein realistischer Pessimist UND melancholischer Optimist! Und er bejaht die Endlichkeit des Menschen.

Gerade in der eindringlichen Betonung der Endlichkeit des Menschen liegt daher nicht nur das Wissen um seine Beschränktheit, sondern auch eine selbstbewusste Bestätigung seiner selbst, das angesichts von Gottes Unendlichkeit doch immer wieder ruft: ICH BIN NOCH DA!  

Das ist dann auch DER Anknüpfungspunkt für den philosophischen Existentialismus wie für die theologische Gott-Welt-Metaphysik, die radikale Diesseitigkeit des Buches UND seine Aktualität: ICH BIN NOCH DA! 

Der Windhauch ist vergänglich – wie der Mensch. Vergänglichkeit ist sein eigenes Wesen, wie es das Wesen Gottes ist, unsterblich und unbedingt zu sein und wie es das Wesen der Welt ist, allgemein und notwendig zu sein.

Gottes Sein ist demnach Sein im Unbedingten, das Sein der Welt ist Sein im Allgemeinen, das Sein des Menschen aber ist Sein im Besonderen.

Und so macht Kohélet uns klar, was der unendliche Gott für uns, seine endlichen Geschöpfe bestimmt hat; was der eigentliche Sinn unseres besonderen Lebens im Allgemeinen der Welt ist:

  • Angesichts Gottes Unendlichkeit sollen wir unsere Endlichkeit täglich bejahen!
  • Angesichts der Allgemeinheit der Welt sollen wir unsere von Gott geschenkte Besonderheit täglich feiern.
  • Angesichts der Flüchtigkeit unseres Lebens sollen wir täglich beständig rufen: ICH BIN NOCH DA!

Ja! Gott will es tatsächlich hören, unser: I C H   B I N   N O C H   D A!


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Dieser Beitrag wurde am 12.01.2021 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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