Morgenandacht, 11.01.2021

von Vikar Jürgen Wolff, Magdeburg

Haben wir (k)einen Vater?

„Ihr Trost- und Vertröstungsnarrativ ist was für Kinder. Ein realistisch denkender, aufgeklärter Mensch nimmt Ihnen diese Geschichte nicht ab. Aber den alten Herrschaften“, dabei zeigt der junge Mann auf die Trauergemeinde in der Friedhofshalle, „denen hat es sicherlich gefallen.“

Mit diesem jovial-verbalen Unterarmtätschler dreht der junge Mann sich um, schlendert lässig zurück zu seiner Großmutter und lässt mich sprachlos zurück.

Und während die Familie sich – nach der Beisetzung – in Richtung Beerdigungskaffee begibt und ich leise murmelnd die Diskriminierung von Trost und Vertröstung beklage, schießt mir ein Name durch den Kopf: Siebenkäs! Ja, das passt.

Der junge Mann, der mir da gerade seine Skepsis gegenüber der Gotteslehre und seine eigene Gottesleere um die Ohren gehauen hat, erinnerte mich nur allzu gut an die Romanfigur in Jean Pauls gleichnamigen Roman „Siebenkäs“. 

Hier findet sich die berühmte „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“. Ein lyrisches Ich liegt auf einer sonnigen Wiese und schläft ein. Im Traum findet es sich auf einem „Gottesacker“, einem Friedhof, wieder, das Ende der Welt war angebrochen, die Auferstehung der Toten war in vollem Gange – Apokalypse Now!

Und die Romanfigur träumt, wie sie plötzlich in einem Tempel steht, Jesus „mit einem unvergänglichen Schmerz“ aus der Höhe heruntersteigt und berichtet, dass er durch Welten, Universen und Himmel gegangen sei, aber keinen Gott fand.

„Und das lyrische Ich hört, wie alle Toten rufen: ‚Christus! ist kein Gott?‘ Und Jesus antwortet: ‚Es ist keiner.‘“

Und die Verstorbenen werfen sich im Tempel und vor Jesus nieder und fragen herzzerreißend: ‚Jesus! Haben wir keinen Vater?‘ – Und er antwortet mit strömenden Tränen: ‚Wir sind alle Waisen, wir sind ohne Vater.‘“

Ja, so klingt ‚poetischer Nihilismus der Romantik‘. Atheismus im literatur- und kulturgeschichtlichen Dazwischen des 18. und 19. Jahrhunderts, zwischen Weimarer Klassik und Romantik, zwischen Aufklärung und Idealismus.

Aber bleibt es auch dabei – im Roman und heute? Sind wir mit Siebenkäs in der Sinn-Sackgasse gelandet?

Nun, in Jean Pauls „Siebenkäs“ jedenfalls erwacht das lyrische ‚Ich‘ schließlich aus dem Albtraum und ist befreit vom Grauen apokalyptischer Gedanken. Dabei gilt die erste Freude nicht dem eigenen wirklichen Leben außerhalb des Traums, sondern dem Gottesgedanken.

Hier ist der Trost und so hebt es nach all dem Grauen auch an und spricht: „Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet.“ Also: Alles gut?

Wohl nicht, denn die „Rede des toten Christus“ lässt Leser wie Gläubige irritiert zurück. Die Frage bleibt ja: Sollen Erzählungen dieser Art dem Menschen Furcht einflößen oder, im Gegenteil, die Furcht vertreiben und trösten?

Leider hat letzteres dabei jedoch keinen guten Klang mehr; Trost aus und durch Geschichten ist aus der Mode gekommen, ist etwas für Kinder – wie mir der junge Mann einfach und direkt klar gemacht hat.

Also sind wir, die wir so wenig Kind weil so realistisch sind, nun doch unfähig geworden, über die Instrumente des Trostes zu verfügen, die in der Geschichte der Menschheit aufgehäuft und viele Jahrhunderte auch durch die Religion und durch den Glauben übermittelt worden sind? Ist es tatsächlich so, dass wir den Trost nicht mehr erkennen, wenn er uns in der Realität begegnet?

Und wenn der Tröster kommt, werden wir ihn dann womöglich auch nicht mehr erkennen? Dabei sind und bleiben wir trostbedürftig, reell jedoch untröstlich.

„Siebenkäs“ betet am Ende des Albtraums zu Gott – und findet darin Erleichterung, Schutz, Trost und Glaubensgewissheit. Ob der junge Mann, der mir da mit seinem Skeptizismus in der Trauerhalle begegnet ist, eines Tages auch wieder beten kann …?

Ich hoffe es! Zu wünschen ist es ihm allemal … und nicht erst, wenn er selber zu den alten Herrschaften gehört.


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Dieser Beitrag wurde am 11.01.2021 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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