Wort zum Tage, 08.01.2021

von Christopher Hoffmann, Neuwied

Gottes Kunstwerke

Mir sitzt der Sänger Michael Patrick Kelly gegenüber. Für ein Interview. Ich hab nur zehn Minuten Zeit, aber einem Musiker, der in seinen Liedern so wunderbar von Menschen erzählt, den will ich etwas fragen, worüber man wahrscheinlich auch zehn Tage sprechen könnte.

Deshalb:

„Michael Patrick, was ist der Mensch?“

Der Musiker nimmt tief Luft:

„Puh - das ist ja die große philosophische Frage! […] Für mich ist ein Mensch ein Mysterium! […] Wenn ich jetzt ein Kunstbild mir anschaue, oder einen Song höre, dann frage ich mich ja: Wer ist der Künstler? Wer hat das erfunden? Denn erst dann kann ich es richtig verstehen, was damit gemeint war.“

Diese Antwort auf meine Frage „Was ist der Mensch?“ hat mich total begeistert. Michael Patrick Kelly faltet seinen Gedanken weiter aus: Er glaubt, nur wenn wir uns als Menschen auf die Möglichkeit einlassen, dass es eine Ursache gibt, die wir Gott nennen, können wir uns wirklich selber verstehen.

Kelly sagt:

„Ich habe meine Identität natürlich als Mensch, Mann, Musiker – da gibt es ja verschiedene Aspekte meiner Identität, aber die tiefste Antwort darauf habe ich im Glauben gefunden. In der Begegnung mit meinem Erfinder oder Künstler oder nennen wir ihn Gott, da hab ich mich zutiefst selbst verstanden. Und das tut gut!“

Der Gedanke gefällt mir: Ich kann ein Geschöpf  nur verstehen, wenn ich den Schöpfer kenne. Ich glaube, Michael Patrick Kelly spricht so über den Menschen, weil er sich selbst auf die Suche nach seinem Schöpfer gemacht hat. Über sechs Jahre lang lebte der Popstar in einem Kloster in Frankreich.

Und auch nach seiner Klosterzeit bleibt ihm seine Verbindung zu seinem Erfinder wichtig: Im ersten Lockdown im Frühjahr hat er ganz alleine im Kölner Dom ein beeindruckendes Konzert gegeben und Gebete gen Himmel geschickt. Um Menschen in dieser schwierigen Zeit Trost und Zuversicht zu schenken.  

Den Künstler kennen, um das Kunstwerk zu verstehen. Einleuchtend finde ich, denn auch sonst ist es in der Kunst ja so: Van Goghs Sonnenblumen etwa leuchten in noch kräftigerem gelb, wenn ich erfahre, dass er sie in Vorfreude auf den Besuch von Gauguin gemalt hat.

Oder: Was Aretha Franklin in dem Song „Respect“ fordert, verstehe ich besser, wenn ich weiß, dass sie als afroamerikanische Frau der Bürgerrechtsbewegung in den USA ihre Stimme lieh. Respekt!

„Was ist der Mensch?“

Im Gespräch mit Michael Patrick Kelly habe ich eine starke Antwort darauf bekommen.  Ich kann in allen Menschen, die ich kenne und in mir selbst mehr erfahren über den, der alles ins Leben rief. Über den großen Künstler Gott. Und in mir und den anderen seine Kunstwerke sehen.


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Dieser Beitrag wurde am 08.01.2021 gesendet.


Über den Autor Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann, geboren 1985 im Hunsrück, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR.  Nach dem Studium der Theologie in Trier und Freiburg und der Seelsorgeausbildung im Rheinland ist er aktuell in der Pastoral für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Raum Neuwied aktiv. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er am ifp in München. In seiner Freizeit liebt er Musik und singt seit vielen Jahren in verschiedenen Bands und Chören. Kontakt: christopher.hoffmann@bistum-trier.de

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