Wort zum Tage, 09.01.2021

von Christopher Hoffmann, Neuwied

Mama, ich vermisse dich!

Mila lebt in Ivano-Frankiwsk in der Ukraine. Ohne ihre Mutter. Die ist Arbeitsmigrantin, in einem fremden Land. Weit weg von Mila. Mila hat ihrer Mama einen Brief geschrieben:

„Liebe Mama, ich vermisse dich sehr. Ich wünsche mir, dass du mich an die Hand nimmst und zur Schule bringst. […] Mama, am Telefon fragst du mich oft, was für ein Geschenk du mir schicken sollst. […] Das beste Geschenk wäre deine Rückkehr nach Hause. […] Mama, du sollst wissen, ich liebe dich sehr. […] Ich werde für dich beten, damit du früher zurückkommen kannst. Es küsst und umarmt dich, deine Tochter Mila.“

Für Kinder wie Mila machen sich seit Tagen bei der größten Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder die Sternsinger stark.

Als Heilige Drei Könige verkleidet sammeln sie Spenden für die ärmsten Kinder weltweit, auch wenn das in diesem Jahr wegen Corona kompliziert ist und nur draußen oder digital geht.

Die diesjährige Kampagne will auch bewusst machen, was das mit den Kindern macht, wenn deren Eltern als Arbeitsmigranten im Ausland Geld verdienen müssen, weil es in ihrer Heimat nicht genügend Arbeit gibt, um die Familie zu ernähren. 

Mich hat der Brief von Mila sehr nachdenklich gemacht. Und wenn ich dann noch überlege, unter welchen Bedingungen Arbeitsmigranten oftmals ausgenutzt werden, wird es noch ungerechter.

Auch in Deutschland: Der Tönnies-Skandal in der Fleischindustrie im vergangenen Sommer hat uns zum Beispiel gezeigt, dass oftmals osteuropäische Arbeiter mit Werksverträgen wie moderne Sklaven behandelt werden.

Von ihren niedrigen Löhnen müssen sie sich gemeinsam mit anderen Mitarbeitern eine Matratze mieten, die sie dann im Wechsel ihrer Schichtdienste benutzen müssen. Das kam nur ans Tageslicht, weil das Corona-Virus in den Betrieben ausgebrochen ist und sich unter den unmenschlichen Wohnverhältnissen weiter ausbreiten konnte. Eine riesengroße Schweinerei!

Umso wichtiger finde ich es, dass die Sternsinger nun auch die seelische Seite dieser Familien in den Fokus rücken – besonders die der Kinder, die zu Hause auf ihre Eltern warten und unter der Trennung leiden.

Die Ukraine ist nur ein Beispiel. Auch in Afrika oder auf den Philippinen leben Kinder allein, weil die Eltern im Ausland arbeiten. Oder weil Krieg oder Krankheiten sie zu Waisen gemacht haben.

Corona lässt uns am eigenen Leib spüren, wie schwer es ist, geliebte Menschen eine Zeit lang nicht sehen zu dürfen. Wie viel heftiger ist es für Kinder, über Monate von den eigenen Eltern getrennt zu sein.

Ich wünsche Kindern wie Mila, dass sie ihre Eltern ganz bald wiedersehen können. Und den Sternsingern wünsche ich ganz viel Unterstützung, damit sie durch ihre Aktion gleichzeitig auch möglichst vielen Gleichaltrigen helfen können!


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Dieser Beitrag wurde am 09.01.2021 gesendet.


Über den Autor Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann, geboren 1985 im Hunsrück, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR.  Nach dem Studium der Theologie in Trier und Freiburg und der Seelsorgeausbildung im Rheinland ist er aktuell in der Pastoral für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Raum Neuwied aktiv. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er am ifp in München. In seiner Freizeit liebt er Musik und singt seit vielen Jahren in verschiedenen Bands und Chören. Kontakt: christopher.hoffmann@bistum-trier.de

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