Wort zum Tage, 07.01.2021

von Christopher Hoffmann, Neuwied

Barmherzige Brüder

Dennis und Patrick Weinert sind Brüder aus Rheda-Wiedenbrück. Ihre Biographie ist außergewöhnlich: Beide brechen abrupt ihre Ausbildung ab, der ältere schmeißt sein Studium, der jüngere geht kurz vor dem Abi von der Schule: Stattdessen brechen sie gemeinsam auf in die Welt.

Sie nennen sich „Weinert Brothers“ und wollen als Fotografen und Filmemacher die Ungerechtigkeiten dieser Erde dokumentieren. Sie wollen Menschen ein Gesicht geben, die sonst niemand sieht und hört.

Dafür reisen sie nun schon seit Jahren in vergessene Konflikte und Krisengebiete unserer Welt: In die Zentralafrikanische Republik. Oder in das weltweit größte Flüchtlingslager Katupalong in Bangladesch.

Ganz wichtig ist ihnen dabei: Die Menschen, denen sie dort begegnen, nicht nur als hilflose Opfer abzubilden. Sondern als Menschen, von deren Stärke man lernen kann.

Weil diese Menschen eine unfassbare Resilienz entwickeln – also eine Kraft, die sie jeden Morgen neu anfangen lässt– trotz widrigster Umstände. Das hat die Weinert Brothers tief beeindruckt und ihre Perspektive verändert.

Natürlich dokumentieren Patrick und Dennis auch das Elend: Sie zeigen die Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik, die Dörfer überfallen und selbst in steter Angst vor dem nächsten Angriff leben.

Aber sie zeigen auch die Zivilbevölkerung, die nicht zu Waffen greift, sondern an den Frieden glaubt. Menschen, die zum Markt gehen, um Nahrung zu verkaufen. Kinder, die auf dem Fußballfeld miteinander spielen.

Die Weinert Brothers zeigen auch das unfassbare Elend der Rohingya in Bangladesch, die alles verloren haben und deren Zelte im Schlamm des Flüchtlingslagers zu versinken drohen.

Aber ebenso einen jungen Rohingya, der, selbst knietief im Schlamm steckend, einen noch kraftloseren Menschen auf seinem Rücken durch diesen Morast trägt. Für mich eine moderne Version des barmherzigen Samariters aus der Bibel, ein Foto gelebter Nächstenliebe.

Dieses Foto wird zum Cover des Bildbands der Weinert Brothers mit dem Titel: „Resilienz“. Darin zeigen die Brüder welchen Mut, welche Menschlichkeit so Viele tagtäglich aufbringen, indem sie aufstehen und an eine bessere Zukunft glauben. Indem sie sich und andere nicht aufgeben. Auch unter schwierigsten Bedingungen.

Auch die Weinert Brothers selbst haben sich davon inspirieren lassen – 80% aus dem Verkauf ihres Bildbands spenden sie aktuell an die indische Hilfsorganisation Katt Katha, die sich für Zwangsprostituierte und deren Kinder in Neu-Delhi einsetzt, die seit Corona noch weniger zu essen haben und mit Medikamenten versorgt werden müssen. Ein Projekt, das sie selbst seit Jahren dokumentieren und so die Unmenschlichkeit der Zwangsprostitution anprangern.

Und deshalb sind auch sie für mich zwei ganz moderne, barmherzige Brüder, zwei moderne barmherzige Samariter, die zeigen: Wir können auf dieser Welt auch anders, wir können auch menschlich.

 


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Dieser Beitrag wurde am 07.01.2021 gesendet.


Über den Autor Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann, geboren 1985 im Hunsrück, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR.  Nach dem Studium der Theologie in Trier und Freiburg und der Seelsorgeausbildung im Rheinland ist er aktuell in der Pastoral für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Raum Neuwied aktiv. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er am ifp in München. In seiner Freizeit liebt er Musik und singt seit vielen Jahren in verschiedenen Bands und Chören. Kontakt: christopher.hoffmann@bistum-trier.de

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