Wort zum Tage, 05.01.2021

von Christopher Hoffmann, Neuwied

Leben retten!

„Wie viele Menschen sind an Bord? Gibt es Kranke, gibt es Kinder, gibt es Verletzte?“

Fragen, über die sich Mattea in Sekundenschnelle einen Überblick verschaffen muss. Als Crewmitglied auf der „Sea-Watch“, wo sie die erste ist, die auf ihrem Schnellboot Kontakt aufnimmt zu den Menschen in Seenot.

Menschen, die seit Tagen auf dem Mittelmeer treiben, ohne Wasser, ohne Essen. Mattea bringt sie mit den Schnellbooten auf das Schiff der „Sea-watch“, gibt ihnen Schutz.

Sie hat arabisch studiert und hört immer und immer wieder die grausamen Erfahrungen dieser Menschen auf der Flucht: In einem separierten Teil des Schiffs, der für Männer Tabu ist, erzählen ihr Frauen von Vergewaltigungen. Dass sie gefoltert wurden in den Internierungslagern in Libyen, wohin sie auf keinen Fall zurück wollen.

Doch genau dorthin bringt die Libysche Küstenwache diese Menschen – mit Unterstützung der EU. Und deshalb hat die Evangelische Kirche zusammen mit „Sea-Watch“ und über 680 Organisationen das  Schiff „Sea-Watch 4“ ins Mittelmeer geschickt.

Es hat im vergangenen Sommer auf seiner ersten Mission 353 Menschen das Leben gerettet. Das zivilgesellschaftliche Bündnis dahinter ist breit: Ärzte ohne Grenzen und der Deutsche Gewerkschaftsbund sind genauso mit dabei wie katholische Ordensgemeinschaften, Apotheken, ein Milchhof oder Modelabels. 

Und nun wird die „Sea watch 4“ seit Monaten von italienischen Behörden am erneuten Auslaufen gehindert: Beispielsweise mit dem Argument, sie habe zu viele (!) Rettungswesten an Bord.

Die EU-Mitgliedsstaaten haben sich noch immer nicht auf ein gemeinsames Vorgehen und eine Verteilung jener Menschen, die nach Europa fliehen, geeinigt. Solange das nicht passiert, steht vieles still – und das ist tödlich für Frauen, Männer, Kinder, Babys.

Allein innerhalb weniger Stunden starben im November im Mittelmeer über 90 Menschen, während die „sea watch 4“ im Hafen von Palermo festgehalten wurde.*

Das Bündnisschiff ist ein Stachel im Fleisch der deutschen und europäischen Politik, weil es zeigt: Eigentlich ist Seenotrettung eine staatliche Aufgabe, die Aufgabe Europas! In den vergangenen 6 Jahren sind Schätzungen zufolge über 20.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken.

Das, was Mattea auf dem Schiff vorlebt, ist für mich das, was im Matthäusevangelium steht. Da sagt Jesus:

„Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. Denn ich war hungrig, durstig, fremd und obdachlos und ihr habt mir geholfen.“

(vgl. Mt 25)

Und ich glaube heute würde er ergänzen:

„Denn ich drohte im Mittelmeer zu ertrinken und ihr habt mich gerettet.“

Dass Menschen im Mittelmeer sterben oder dass sie von der libyschen Küstenwache wieder in Lager zurückgebracht werden, die unmenschlicher nicht sein könnten, ist für mich ein deutliches Zeichen dafür, dass Europa seine Werte verkauft. Mattea fordert:

„Wir müssen uns  aktiv dafür einsetzen, dass das nicht in unserem Namen passiert.“

Als Christ und als Europäer kann ich Mattea nur zustimmen:

„Nicht in meinem Namen!“ 

*Vgl. https://www.domradio.de/themen/fluechtlingshilfe-und-integration/2020-11-13/90-weitere-tote-evangelische-kirche-bestuerzt-ueber-neues-sterben-im-mittelmeer


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Dieser Beitrag wurde am 05.01.2021 gesendet.


Über den Autor Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann, geboren 1985 im Hunsrück, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR.  Nach dem Studium der Theologie in Trier und Freiburg und der Seelsorgeausbildung im Rheinland ist er aktuell in der Pastoral für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Raum Neuwied aktiv. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er am ifp in München. In seiner Freizeit liebt er Musik und singt seit vielen Jahren in verschiedenen Bands und Chören. Kontakt: christopher.hoffmann@bistum-trier.de

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