Am Sonntagmorgen, 03.01.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

„…halte Gott dich fest in seiner Hand!“ Von der Sehnsucht nach Segen

Zu segnen oder gesegnet zu werden ist etwas, das im Alltag nur selten sichtbar wird. Dabei brauchen Menschen Segen: Er gibt Zuversicht und stärkt Vertrauen, dass irgendwie „alles gut wird“.

© Pixabay / Pexels

„Ein gutes Neues Jahr! Und Hauptsache Gesundheit!“

Das wünsche ich Ihnen heute Morgen – und so höre ich es in diesen Tagen selbst sehr oft. Gut soll es werden, das Neue Jahr!

Gesundheit wünschen wir uns ja schon seit Monaten ganz besonders, aber zum Jahreswechsel haben die guten Wünsche immer eine ganz besondere Intensität. Und sie haben einen geradezu archaischen Ursprung! 

Der Übergang vom alten zum neuen Jahr hat den Menschen nämlich wie alle Übergänge im Leben immer schon Respekt, wenn nicht sogar Angst eingeflößt: Was wird das neue Jahr bringen? Werden ungeahnte Herausforderungen auf mich warten? Werde ich bestehen können?

Es soll gut werden

In alten Zeiten verband man diese bangen Fragen mit der Meinung, an Übergängen würden sich Dämonen aufhalten, böse Geister, die einem Angst machen. Um die zu vertreiben, hat man zum Beispiel viel Lärm gemacht.

Daher rührt ja auch unser berühmtes Feuerwerk, auf das wir an diesem Silvester weitestgehend verzichten mussten. Vielleicht trägt die Stille ja dazu bei, auf andere Weise nach dem zu fragen, was zu Beginn dieses Jahres meine Sorgen lindern könnte.

Das neue Jahr möge gut werden, sagen wir. Ich denke an Kinder, die nach einer Auseinandersetzung fragen: Ist wieder alles gut? Auch Erwachsene rufen sich wie zur Ermutigung zu: Alles gut!

Und wie ist das nun, wenn wir diesen Zuspruch anlässlich des neuen Jahres sagen? Auf lateinisch heißt das bene-dicere, das bedeutet: sagen, dass es gut werden soll. Oder eben auch: das neue Jahr segnen!

Menschen brauchen Segen

Segen hat nichts mit „Schönreden“ zu tun oder gar mit einem Ausblenden der Wirklichkeit. Es ist nicht wegzudiskutieren, dass in meiner kleinen und schon gar in der großen Welt – weiß Gott – nicht alles gut ist.

Die Corona-Pandemie hat der ganzen Welt ja einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber abgesehen davon: Wie viele Menschen gehen auch sonst abends zu Bett, ohne auch nur annähernd zufrieden mit sich und ihrem Leben zu sein?

Und dennoch: Mitten in dieser unfertigen Welt mit ihren Herausforderungen vergewissern sich kleine wie große Leute der hoffnungsvollen Aussicht, dass alles gut werde. Und sie stärken sich gegenseitig darin.

Wenn Menschen zum Beispiel inmitten einer unsicheren Situation oder in einer zweifelhaften Entscheidung einen Zuspruch geben wollen, dann sagen sie oft:

„Meinen Segen hast du.“

Das bedeutet so viel wie: Ich stehe hinter dir. Ich unterstütze deine Entscheidung. Und es klingt mir wie nach einer erwachsenen Version der kindlichen Beruhigung: Es wird alles gut!

„Meinen Segen hast du!“

Ich glaube, in diesen Worten kommt eine Ursehnsucht des Menschen zum Ausdruck: die Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit, nach Geleit auf schwierigem Weg, Geleit in eine unsichere Zukunft. Menschen sehnen sich nach Segen und schenken einander Segen. Und nicht zuletzt werden sie einander zum Segen.

Möchten wir noch gesegnet werden?

Aus meiner Zeit als Krankenhausseelsorger sind mir ganz unterschiedliche Segenssituationen in Erinnerung. Eine ganz besonders schöne gab es immer dienstags und freitags, am Vormittag um 11.00 Uhr

Auf der Neugeborenen-Station – war da was los. Im Aufenthaltsraum haben sich Mütter und Väter mit ihren Babys in ihren Wägelchen versammelt, manchmal auch noch mit Besuch.

Wir haben zur Kindersegnung eingeladen, übrigens alle: Katholische wie Evangelische, Angehörige anderer Religionen, Fernstehende und religiös Unmusikalische.

Zunächst die Frage nach dem Befinden, ob alles gut gegangen sei. Und dann das Angebot eines Segens für das kleine neugeborene Mädchen oder den kleinen Jungen! Da kann man allerhand erleben: Von großer Freude bis zu großen fragenden Augen, von Achselzucken bis zu „nein danke, das ist nichts für mich“.

Und wenn es soweit ist, dann ist oft die Überraschung groß, dass nun doch so viele der Einladung gefolgt sind. Oft immer noch mit großen fragenden Augen, aber neugierig auf den Segen.

Und wenn ich ihrem Kind dann meine Hand auf die Stirn lege, um es zu segnen, dann schauen sie gebannt in den Wagen, als ob nichts anderes auf der Welt mehr wichtig sein könnte.

Hier läuft eine Träne die Wange hinab, dort gibt es strahlende Augen. Auf der anderen Seite in sich gekehrtes Schweigen: Was einem in solchen Momenten alles durch den Kopf gehen mag! Eine Mutter erzählt mir:

„Ich bin schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen. Und wir waren uns auch einig, dass wir mit der Taufe des Kindes warten wollten, bis es selbst entscheiden kann.

Aber als die Rede auf den Segen kam, da gingen mir Bilder aus meiner Kindheit durch den Kopf: Meine Mutter machte mir jeden Abend ein Kreuz auf die Stirn. Ich fand das oft komisch, und ich weiß auch nicht, ob ich das selbst tun könnte. Aber jetzt denke ich mir, es ist gut, wenn mein Kind gesegnet wird. Ich kann es nicht näher beschreiben, ich spüre es einfach.“

Sichtbare Sehnsucht nach Segen

Dass Menschen in einer Klinik für Segen besonders aufgeschlossen sind, mag vielleicht gar nicht so sehr verwundern. Aber offensichtlich suchen Menschen auch an ganz anderen Orten nach Segen.

Einer dieser besonderen Orte ist für mich die Autobahnkirche. Dort brennen in der Regel viele Kerzen. Mancherorts kann man in Anliegenbücher etwas hineinschreiben.

Wenn man sich die Mühe macht, ein bisschen darin zu blättern, wird schnell deutlich, dass auf Reisen vieles mitfährt. Da lese ich:

„Meine erste Fahrt mit dem neuen Auto. Bitte lass alles gut gehen!“

Oder:

„Hoffentlich können uns die Ärzte helfen!“

Auch an Flughäfen finden sich kleine Kapellen oder Räume der Stille. Die Seelsorger, die dort tätig sind, haben viel mit Menschen zu tun, die Hilfe brauchen.

Dennoch gibt es auch viele Menschen, die die Kapelle einfach nur deshalb aufsuchen, weil ihnen die Stille guttut, weil sie sich auf eine Reise vorbereiten, weil sie vielleicht Flugangst haben, vielleicht auch, weil sie einen neuen Lebensabschnitt beginnen und Altes zurücklassen. Auch hier ist die Sehnsucht nach Segen groß.

In der Regensburger Altstadt, gleich gegenüber dem Dom, ist äußerlich kaum erkennbar in die Gesamtkomposition der Häuserflucht eine kleine Kapelle gebaut, die auf mich als Kind eher düster und bedrückend wirkte. Dieser kleine Raum aber ist immer voller Menschen. Eine junge Geschäftsfrau berichtet mir:

„Jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit gehe, schenke ich mir fünf Minuten in dieser Kapelle. Ich kann mit vielen Figuren und Bildern dort nichts anfangen, aber der Raum hat eine unbeschreibliche Wirkung auf mich. Ich brauche diese fünf Minuten für meinen Tag.

Und ich staune oft, wen man da alles trifft. Keineswegs nur ältere fromme Damen. Da sehe ich eine Menge Kollegen: Geschäftsleute, Banker, Wirtsleute. Und ich denke still bei mir: Was, Du auch hier?“

Segen wird mehr, wenn man ihn teilt

Allein die Erkenntnis, dass auch andere Menschen auf der Suche nach einer Kraft in ihrem Leben sind, die nicht aus ihnen selbst kommt, mag schon segensreich wirken. Und manchmal stärken sich Menschen gegenseitig, die beide nach Hilfe ringen, und werden so füreinander zum Segen.

Dabei denke ich wohl ein Leben lang an einen alten Patienten, den ich einige Zeit lang als Krankenhausseelsorger begleiten durfte. Er hatte nicht mehr lange zu leben. Es war ein Ordensmann, schon ganz schwach. Aber er lächelte immer, wenn ich sein Krankenzimmer betrat. Und bevor ich ging, beteten wir miteinander.

Einmal, als ich ihm zum Schluss den Segen geben wollte, deutete er mir an, ich solle näherkommen. Ich beugte mich ganz nah zu ihm, und dann zeichnete er mir ein Kreuz auf die Stirn. Ich war verblüfft und gerührt zugleich – er, der Kranke, hatte mich, den Gesunden, gesegnet!!

Segen kommt zurück, wenn man ihn austeilt, und wird mehr! Und er kann Menschen verändern. Es ist wie beim Licht: Es wird nicht weniger, wenn man es austeilt, sondern mehr. Es verbreitet sich und lässt Menschen und Dinge anders aussehen – eben in einem anderen Licht erscheinen.

„Ein Segen sollst du sein“

Im Krankenzimmer des alten Ordensmannes ist es mir unter die Haut gegangen, was es heißt, dass Menschen einander zum Segen werden. Ich habe da auch eine alte Bibelstelle begriffen, in der es darum geht, dass Menschen zum Segen in Person werden können.

Ich meine die alte Vätergeschichte von Abraham aus dem Buch Genesis. Von ihm wird erzählt, dass er im hohen Alter den Ruf zum Aufbruch gespürt hat:

„Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen.“

(Gen 12,1-2)

Später begreifen, dass da Segen war

Menschen, die offen sind für das, was geschieht, die nicht am Bekannten kleben, sondern loslassen und sich auf neue Herausforderungen einlassen, können für andere zum Segen werden.

Ganz eindrucksvoll habe ich das einmal an einem Wallfahrtsort durch eine alte Votivtafel erfahren können.

Votivtafeln erzählen den Wallfahrern von Bitten geplagter Menschen oder auch vom Dank für erfahrene Wohltaten, für empfangenen Segen. Eine solche Tafel unterschied sich jedoch von allen anderen. Auf ihr stand zu lesen:

„Ich danke Gott für all die Jahre, in denen er mein Gebet nicht erhört hat. Denn heute weiß ich, dass es anders besser für mich war. Was ich nicht bekommen habe, ist mir zum Segen geworden.“

Dass sich Menschen so von ihren Segenserfahrungen erzählen, kann für andere wiederum zum Segen werden. Sie können einander ermutigen, es einem anderen zu überlassen, wie der Segen aussehen wird.

Segen stärkt Grundvertrauen

In meinen Augen wird in den genannten Beispielen deutlich: Es ist eine tiefe menschliche Grunderfahrung, dass wir uns nicht selbst genügen. Wir sind nicht nur autonom, wir sind uns nicht selbst „gut genug“.

Wir sehnen uns nach der Erfahrung von Stärkung, die von außen kommt. Wir möchten, dass uns jemand sagt:

„Es wird gut.“

Oder:

„Es ist gut, dass du da bist!“

Zum Leben brauche ich Vertrauen, sonst überfordert es mich. Und für dieses Vertrauen brauche ich ein Gegenüber, einen Menschen, der mir entweder ganz persönlich zum Segen wird oder der mir den Segen eines Größeren zusagt.

Viele Menschen wenden sich in ihren unklaren Lebenssituationen daher an Gott, manchmal vielleicht mit magischen Hintergedanken, aber immer in der urmenschlichen Sehnsucht nach Halt und Zuspruch.

Besonders schön wird dieses Vertrauen in dem irischen Segenslied deutlich „Möge die Straße uns zusammenführen“. Dort heißt es im Kehrvers:

„... und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.“

Zum Leben brauche ich ein Grundvertrauen. Der Segen stärkt mir dieses Vertrauen – durch tiefe Zeichen und Gesten, durch die Wirkkraft besonderer Orte, durch Menschen, bei denen ich Zuspruch finde. Das gilt für die Corona-Zeit ebenso wie für jede andere!

Wo auch immer Sie in Ihrem Leben diese Stärkung entdecken, liebe Hörerinnen und Hörer: Ich wünsche Ihnen ein gutes, ein gesegnetes neues Jahr!

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

David Snell – Main Titles (Soundtrack: The Cider House Rules)

David Snell – Young Girl’s Burial (Soundtrack: The Cider House Rules)

The Voices – Irische Segenswünsche


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Dieser Beitrag wurde am 03.01.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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