Morgenandacht, 02.01.2021

von Katharina Pomm, Apolda

Klagen. Tanzen. Leben.

Manche Tage beginne ich mit einem schweren Seufzen. Ich versuche mich zu ermahnen: Lass das, es geht dir doch gut. Sei dankbar. Aber das hilft fast nie.

Vor mir liegt ein Arbeitstag in der Klinik. Mich erwarten schwierige Gespräche, manchmal ein Konflikt. Manchmal rührt jemand an eine Verletzung, die tief geht. Ab und zu sind es auch nur Kleinigkeiten, die mir auf der Seele liegen.

Vermeintliche Kleinigkeiten. Der immer noch nicht geschriebene Bericht, das Weinen der Tochter am vorigen Abend.

Trotzdem: Tapfer starte ich den Tag. Schmiere das Schulbrot, fülle die Wasserflasche. Auf dem Weg zur Arbeit läuft das Autoradio. Aus irgendeinem Grund ist mein Lieblingsnachrichtensender aus dem Menüspeicher verschwunden. Auch das noch. Vor mir schleichen die Autos hinter einem Traktor her. Schneematsch spritzt gegen die Scheiben.

Doch plötzlich bleibt der Sendersuchlauf stehen und wie aus einer anderen Welt rollen Töne heran. Ein großer Konzertflügel malt schillerndes Licht auf sattes, sommergrünes Laub. In Kaskaden fällt es durch hohe Altbaufenster.

Es ist keine andere Welt. Es ist meine eigene, ureigenste. Bilder, die für Bruchteile von Sekunden aus meiner Erinnerung wieder aufsteigen und alles in mir verwandeln.
Lastende Schwere in leichtfüßige Sorglosigkeit.

Angst und Ärger werden wie ausradiert von der jähen Gewissheit, lebendig zu sein.
Ein Teil zu sein jener rätselhaften und unendlichen Poesie, die immer wieder lebendig wird – in der Musik, in der Liebe, im Reichtum der Gedanken und Erinnerungen.

Was für ein unfassbares Glück, dass sie an Raum und Zeit nicht gebunden sind. Dass sie da sind, obwohl ich nicht hinter hohen Altbaufenstern, sondern im Auto sitze. Obwohl draußen kein Sommerlaub vorbeizieht, sondern kahle Winterzweige.

„Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt“,

jubelt eine Beterin im Buch der Psalmen. An manchen Tagen kann ich ihren Worten kaum glauben – doch plötzlich wird es wahr.

An einem x-beliebigen Tag mitten in meinem alltäglichen Leben ist mein Klagen in Tanzen verwandelt.

Was ändert sich? Nichts. Und doch alles. Die Töne von Rachmaninov sind längst verklungen. Ich bin an meinem Arbeitsplatz in der Klinik angekommen. Es riecht nach abgestandener Luft und nach Desinfektionsmittel.

Ich sehe die Menschen, die an mir vorbei gehen, mit anderen Augen. Was mögen sie wohl in sich tragen? Welche Erinnerung - Wer sind sie? Welche Namen haben sie für dieses eine Geheimnis des Lebens, jenseits von Raum und Zeit, das ich – manchmal – Gott nenne.

Finden wir Namen für das, was uns erschreckt. Bilder für alles, was uns rettet. Erinnern wir uns an Töne, an Klänge, an Stimmen. Das ist alles so wichtig. Das ist unsere eigene Geschichte. Aber nicht nur.

Es sind auch Szenen in jenem unendlichen Buch des Lebens, das wir mitschreiben. Das durch uns entsteht. An jedem einzelnen Tag.

Warum – das weiß ich nicht. Vielleicht weil es eine unbändige Kraft ist, die gar nicht anders kann, als sich zu entfalten. Millionenfach. In Erlebnissen und Geschichten. In Bildern, Szenen und Tönen. Im Klagen. Im Tanzen.


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Dieser Beitrag wurde am 02.01.2021 gesendet.


Über die Autorin Katharina Pomm

Katharina Pomm wurde im Februar 1980 in Aachen geboren. Nach dem Theologiestudium in Tübingen und Münster begann sie ihre pastorale Ausbildung und Tätigkeit im Bistum Erfurt. Nach der Arbeit in Pfarreien und Hochschulgemeinden entschied sie sich 2013 bewusst für die Klinikseelsorge. Dort arbeitet sie heute als Seelsorgerin, sowie in der Aus- und Weiterbildung von pflegerischem und ärztlichem Personal. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie im thüringischen Apolda. Freiräume nutzt sie so oft es geht zum Verreisen – am liebsten in die Berglandschaften der Alpen oder an den Atlantik vor der Küste Portugals. Kontakt
katharina@pomm.de

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