Morgenandacht, 31.12.2020

von Katharina Pomm, Apolda

Verliebt – verlobt – verschoben

Verliebt – verlobt – verschoben.

Das heute zu Ende gehende Jahr 2020 hat vielen Paaren einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Eine unbeschwerte Hochzeitsfeier mit vielen Gästen – zu gefährlich. Eine kleine Feier nur mit den engsten Freunden – zu traurig.

Und im nächsten Jahr? Da ist kaum mehr ein großer Raum zu finden, erzählte mir eine wartende Braut. Und obwohl sie sich müht, wortreich zu betonen, dass ihre Lage nun wirklich nicht so dramatisch sei, dass es anderen mit Corona so viel schlechter ginge, kommen ihr jetzt die Tränen.

Lange sitzen wir so in einer Sitzgruppe vor der Kapelle. Sie weint und mir fällt es schwer, nicht mitzuweinen. Warum eigentlich?

Das Brautgespräch war schließlich nicht das erste Seelsorgegespräch an diesem Tag. Mein Arbeitsort, ein großes Klinikum, brachte mir frühmorgens ein Gespräch mit einem Querschnittsgelähmten.

Auf der Palliativstation präsentierte mir eine Patientin zwei Erdbeeren, die sie soeben draußen gefunden habe, mitten im Winter. Das seien dann wohl ihre letzten, sagte sie. An dem Satz der jungen Braut ist schon was dran: Anderen geht es gar nicht gut.

Besonders im Klinikum wird man daran eindrücklich erinnert. Und trotzdem: hier, mit der wartenden Braut ist mir zum ersten Mal an diesem Tag nach Weinen zumute.

Das sollte so nicht laufen!, denke ich. Eine Hochzeit – das sollte doch etwas Unbeschwertes sein. Ein überschwängliches Fest – wie ein erster kleiner Vorgeschmack aufs Paradies. Erinnerungen, die einen aufrichten, wenn es mal schwer wird. –

„Ich habe gerade meine Tante besucht“,

unterbricht die Braut meine Gedanken.

„Sie hat mir eben von ihrer Hochzeit erzählt. Vielleicht hat das alles in mir so aufgewühlt.“

Und dann erzählt sie mir, wie ihre Tante ihre Hochzeit erlebt hat. Dass ihre Cousine das Kleid aus Gardinenstoff genäht hat, weil sie damals in der DDR kein Kleid fand, das ihr gefiel.

Dass ihre Schwester nicht kommen konnte, weil sie in den Westen gegangen war. Und dass ihre Hochzeitsreise nie stattfand, weil ihr Mann mit Tuberkolose fast ein Jahr lang im Krankenhaus bleiben musste.

„Eigentlich sollte sowas in den Braut-Magazinen stehen“,

sagt die junge Frau. Sie lächelt ironisch.

Echte Lebenserfahrung statt Deko-Tipps.“

Aber in mir regt sich Widerstand. Ich erinnere mich daran, wie sehr mir die Festplanung damals geholfen hat, als meine Gesundheit – ausgerechnet kurz vor meiner Hochzeit – in Frage stand.

Das Planen, Entwerfen und Kleider- Anschauen hat mir die Zuversicht erhalten, dass es gut ausgehen wird – auch, wenn später tatsächlich nichts so aussah, wie in den Hochglanz-Magazinen.

„Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete“,

erzählt Jesus in der Bibel. Da ist es wieder – Hochzeit und Himmelreich. Es könnte so schön sein! Aber selbst in der Bibel geht diese Geschichte anders weiter – keiner kommt zum Fest.

Was für eine Enttäuschung für den Festplaner! Die hochwohlgeborenen Gäste haben Anderes zu tun. Sie haben schlichtweg keine Zeit. Frustrationstoleranz – die wurde dem König zu einem gerüttelten Maß abverlangt. Am Ende war alles anders, als geplant.

Der König lud nun andere Gäste ein – die taugten nicht als Deko-Elemente, es waren einfache Menschen von der Straße. Die Hochzeit fand statt – aber ganz anders, als der König sich das gedacht hatte.

Bei der Braut, die mir gegenübersitzt, hellt sich plötzlich das Gesicht auf. Sie hat eine Idee:

„Ich gehe nochmal zurück zu meiner Tante. Ich frag sie, ob sie meine Trauzeugin wird. Ich brauche jetzt jemanden mit Lebenserfahrung – und mit einem Blick für das richtige Kleid.“


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Dieser Beitrag wurde am 31.12.2020 gesendet.


Über die Autorin Katharina Pomm

Katharina Pomm wurde im Februar 1980 in Aachen geboren. Nach dem Theologiestudium in Tübingen und Münster begann sie ihre pastorale Ausbildung und Tätigkeit im Bistum Erfurt. Nach der Arbeit in Pfarreien und Hochschulgemeinden entschied sie sich 2013 bewusst für die Klinikseelsorge. Dort arbeitet sie heute als Seelsorgerin, sowie in der Aus- und Weiterbildung von pflegerischem und ärztlichem Personal. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie im thüringischen Apolda. Freiräume nutzt sie so oft es geht zum Verreisen – am liebsten in die Berglandschaften der Alpen oder an den Atlantik vor der Küste Portugals. Kontakt
katharina@pomm.de

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