Morgenandacht, 29.12.2020

von Katharina Pomm, Apolda

Paradies – vom schmucken Weihnachtsbaum zur kargen Krippe

„Weihnachtsbaum-Paradies! Qualitäts-Bäume aus heimischem Anbau.“

Auf meinem allmorgendlichen Weg zur Arbeit komme ich an mehreren Paradiesen vorbei. Dem Wohn-Paradies, dem Discount-Paradies und, immer vor Weihnachten, am Weihnachtsbaum-Paradies.

Von allen geschäftstüchtig beworbenen Paradiesen ist das mit den Weihnachtsbäumen dem Ursprung wohl noch am nächsten. Immerhin stand einer seiner entfernteren Verwandten, laut biblischer Erzählung, mittendrin im fruchtbaren Garten Eden. Als sein verbotenes und dann sehr begehrtes Zentrum.

Vermutlich war es keine Nordmanntanne – aber Laubbäume mit saftigen Früchten haben keine große Überlebenschance in unserem europäischen Winter. Da spielt die Tanne ihre stellvertretende Rolle doch ganz gut.

Und statt der Paradiesfrüchte behelfen wir uns mit glitzerndem Schmuck, Schokolade oder Zuckergebäck. Vom Paradiesbaum im Wohnzimmer darf ja auch gegessen werden. Erkenntnis von Gut und Böse ist auch keine zu befürchten.

Der weihnachtlich verwandelte Paradiesbaum soll uns trösten, nicht strafen. Soll uns zeigen: Guck mal, so schön kann Erlösung sein.

Eigentlich eine schöne Idee. Leider ist es in der Wirklichkeit dann doch komplizierter. Zumindest in meiner.

Soeben habe ich die Botschaft vom Kind in der Krippe gehört, habe versucht zu begreifen, dass Gott sich klein macht, schwach und verletzlich, habe die Lichter am Baum angezündet und das leckere Weihnachtsessen genossen – schon geht es wieder los.

„Das waren aber wenige Leute dieses Jahr in der Kirche. Und wie kann man nur am Heiligen Abend mit dem Skateboard über den Supermarkt-Parkplatz rattern! Unmöglich! Ein schickes Weihnachts-Outfit hast du dieses Jahr auch nicht gefunden. Stattdessen eine Stunde lang am Fenster gesessen und in den Wald hinaus gestarrt! Weißt du, was andere in der Zeit alles schaffen?“

Und so weiter und so weiter. Bewertung und Abwertung. Leistung, Konkurrenz, Selbstzensur. Wie ein innerer Automatismus in Dauerschleife.

„Von allen Bäumen des Gartens Eden darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen. Dann wirst du sterben!“

So lese ich ganz am Anfang der Bibel, vom Paradies und Gottes mahnenden Worten an Adam und Eva.

Gut und Böse unterscheiden zu können, ist keine Kleinigkeit. Doch allzu oft machen wir es dazu. Die meisten Urteile, die wir sekündlich fällen – über uns selbst oder über andere – fragen gar nicht danach, ob etwas gut ist, sondern ob es gut aussieht.

Das ist schon Adam und Eva so gegangen. Blitzschnell waren die Feigenblätter zur Hand – die ändern zwar nichts am Nackt-Sein, es soll nur nicht mehr so aussehen.

Aussehen, Ansehen, gut Dastehn – das wurde schon bei den Erzeltern zum Erziehungsziel. Kein Wunder, dass eines ihrer Kinder das andere erschlägt, weil es im Vergleich mit dem Bruder meint, schlechter dazustehn.

Was für eine tragische Verwechslung von Gut-Sein und Gut-Dastehn.

Alles nur ein Märchen? Ich glaube, es ist mehr als das. Es ist in Bildern konzentrierte Lebensweisheit. Sie erzählen eine Geschichte, die sich bis heute fortsetzt. Ja, leider auch in den Kirchen.

Da ist das Ansehen, das Gut-Dastehen um jeden Preis wichtiger als das nackte Eingeständnis, Böses zugelassen oder sogar befördert zu haben.

Aber wo ist der Er-Lösungsansatz? Ich glaube: Er liegt an einem Ort, der keine Zierde zu bieten hat. Im Viehstall des Lebens, sozusagen.

Er liegt in einem Säugling, einem Menschen, der nichts weiter kann als schlafen, saugen und schreien. Ja, ganz am Anfang kann er noch nicht mal lächeln.

Hier ist die Chance, nochmal ganz von vorne anzufangen. Vor einem Kind, das nicht be-schämt, sondern be-freit. Weil es von mir nicht Rechtfertigung und Rechtgläubigkeit erwartet, sondern Annahme und Schutz.


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Dieser Beitrag wurde am 29.12.2020 gesendet.


Über die Autorin Katharina Pomm

Katharina Pomm wurde im Februar 1980 in Aachen geboren. Nach dem Theologiestudium in Tübingen und Münster begann sie ihre pastorale Ausbildung und Tätigkeit im Bistum Erfurt. Nach der Arbeit in Pfarreien und Hochschulgemeinden entschied sie sich 2013 bewusst für die Klinikseelsorge. Dort arbeitet sie heute als Seelsorgerin, sowie in der Aus- und Weiterbildung von pflegerischem und ärztlichem Personal. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie im thüringischen Apolda. Freiräume nutzt sie so oft es geht zum Verreisen – am liebsten in die Berglandschaften der Alpen oder an den Atlantik vor der Küste Portugals. Kontakt
katharina@pomm.de

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