Morgenandacht, 28.12.2020

von Katharina Pomm, Apolda

Jetzt muss er nur noch groß werden

Ein kleiner Junge steht auf dem Treppchen vor der großen Krippenlandschaft und schaut dem Baby, das da unter einem Stalldach liegt, geradewegs ins Gesicht.
Um ihn herum drängeln sich die anderen. Suchen Mäuse, Igel, Vogelnester und die Eule, die die Krippenbauer in der weiten Landschaft versteckt haben.

Manche klettern das Treppchen hoch und wieder herunter, rufen und drängeln, um auch die Schafe und den großen Engel auf dem Feld hinter dem Stall zu sehen. Nur einer will sich nicht vom Anblick des Babys im Stall abwenden. Erst als die Erzieherin ihn ermahnt:

„Andere wollen auch gucken, Jason, mach jetzt mal Platz!“,

wendet er den Blick ab. Dann sagt er leise zu sich selbst:

„Jetzt muss er nur noch groß werden.“

Er dreht sich um und überlässt dem nächsten Kind seinen Platz.

„Jetzt muss er nur noch groß werden“ – dieser Satz ist für mich zur Brücke in den Alltag geworden. Er klingt nach Abschied, aber vor allem nach Zukunft. Jedes Jahr, wenn das Weihnachtsfest so langsam ausklingt, kommt mir diese kurze Szene wieder in Erinnerung.

Nicht immer so bald nach den Festtagen – manchmal erst, wenn wir die Krippe wieder einpacken. Vor allem aber dann, wenn Schule und Arbeit wieder beginnen und das Zusammensein zwischen Weihnachten und Neujahr dem Alltag weichen muss.

Was wird aus dem, was ich Weihnachten gesehen, erlebt und gehört habe? Wird mit den Christbaumkugeln, den Sternen und Lichtern auch das wieder gut verpackt und weggestellt, was mir in diesen Tagen begegnet ist? Weihnachtswelt hier – Alltagswelt da?

Jason aus dem Kindergarten einer thüringischen Kleinstadt kennt eine ganz andere Weihnachtswelt als jene, die dort in der Kirche aufgebaut ist. Er hat die Rentiere an sein Fenster geklebt, die den großen Schlitten mit den Geschenken ziehen. Er hat ein kleines Gedicht gelernt, das er dem Weihnachtsmann aufsagen muss, damit er ein Geschenk bekommt.

Ein Stall mit Futterkrippe kommt da nicht vor. Maria, Josef, Ochs und Esel sind ihm fremd. Er weiß nicht, dass dieses Kind „Jesus“ heißt und dass die Christen in diesem Kind den Retter, den Erlöser sehen. Auf das Baby in der Krippe schaut er nicht mit Weihnachtsaugen – sondern mit Alltagsaugen.

Er sieht einfach nur ein Baby – wie es in der Krippe seines Kindergartens Dutzende gibt. Und er sieht Eltern, die sich ihrem Kind zuwenden. Auf ihren Gesichtern spiegeln sich Bewunderung und Dankbarkeit. Für den Moment scheint alles gut zu sein. Das Kind ist geborgen und versorgt. – Jetzt muss er nur noch groß werden.

Bevor ich meine Weihnachtswelt abschmücke, betrachte ich sie einmal mit Alltagsaugen: Ich will dabei das entdecken, was durchs Wegpacken oder Umdekorieren nicht einfach verschwindet: Die Freude am Zusammensein mit lieben Menschen.

Die Dankbarkeit, dass jemand mich so gut kennt, dass er meine Wünsche erraten hat. Die Hoffnung, dass Kinder wie Jason zuhause geborgen sind. Die Sehnsucht nach einer Welt, in der sie groß werden können.

Ja, auch die Trauer und die Scham, dass wir Erwachsene das nicht immer so hinkriegen, wie wir es sollten.

Freude, Dankbarkeit, Liebe. Sorge, Sehnsucht, Trauer, Scham und Hoffnung. Ich glaube: So fühlt es sich an, wenn Weihnachten Alltag wird, wenn das Kind in der Krippe in uns groß wird.


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Dieser Beitrag wurde am 28.12.2020 gesendet.


Über die Autorin Katharina Pomm

Katharina Pomm wurde im Februar 1980 in Aachen geboren. Nach dem Theologiestudium in Tübingen und Münster begann sie ihre pastorale Ausbildung und Tätigkeit im Bistum Erfurt. Nach der Arbeit in Pfarreien und Hochschulgemeinden entschied sie sich 2013 bewusst für die Klinikseelsorge. Dort arbeitet sie heute als Seelsorgerin, sowie in der Aus- und Weiterbildung von pflegerischem und ärztlichem Personal. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie im thüringischen Apolda. Freiräume nutzt sie so oft es geht zum Verreisen – am liebsten in die Berglandschaften der Alpen oder an den Atlantik vor der Küste Portugals. Kontakt
katharina@pomm.de

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