Neujahr

Predigt des Gottesdienstes aus der Stiftskirche des Benediktinerstiftes Göttweig (Niederösterreich)

Predigt von Pater Maximilian Krenn OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Am ersten Tag eines neuen Jahres wird uns bewusst, dass wieder ein neuer Weg-Abschnitt vor uns liegt. Manchen macht er Lust, in die neue Zeit hineinzugehen; sie sind schon ganz begierig, unbekanntes Land zu betreten und Neues auszuprobieren.

Aber nicht wenigen macht er Angst. Sie fühlen sich den Mächten wie Pandemie, Krankheit, Umweltzerstörung, Flüchtlingsströmen, dem Weltgeschehen überhaupt hilflos ausgeliefert und verfallen der Versuchung, wie ein Süchtiger ihr Ohr ständig bei den „bad news“, den schlechten Nachrichten zu haben und dadurch in Pessimismus zu versinken.

Ihr Leben ist oft nur noch ein Überlebenskampf und hat seine innere Schönheit eingebüßt und sie können keinen Sinn mehr im Leben sehen.

Die Volkskrankheit „burn out“ erzählt weniger von Arbeitsüberlastung als von Sinnlosigkeit und stellt die Frage: wofür arbeite und lebe ich eigentlich noch?

Diese Menschen leben in der Angst vor dem nächsten Tag, ja vor der Zukunft überhaupt.

Aber ist es so? Ist das Leben vor allem ein Überlebenskampf, ist es im Letzten sinnlos?

Offen gesagt, ich würde es auch so sehen, wenn ich meinen Blick allein auf das Geschehen in unserer Welt richten würde: Dann geht es wirklich nur mehr darum, mich vor der täglichen Gefahr zu schützen und mich gegen andere durchzusetzen. Geld scheffeln, Mauern bauen und Waffen sammeln sind dann die Hauptbeschäftigungen des Tages.

Alle Fragen, die durch das Leben an meine Existenz herangespült werden, wie z.B. die Frage nach Leid und Tod sind dann unter allen Umständen zu vermeiden.

Mein Glaube lehrt mich allerdings etwas anderes: Es gibt einen Gott, der seine Schöpfung und seine Geschöpfe liebt und alles Geschehen dadurch in ein anderes Licht rückt.

lötzlich hat alles eine Bedeutung, mein Leben wird dann nicht mehr nur zwischen den Wellen hin und her geworfen und Geschichte ist dann mehr als Werden und Vergehen. Und auch meine kleine Geschichte, alles was ich tue und denke ist wichtig, denn es wird von der Liebe angeschaut.

Henri Boulad, der bekannte ägyptische Jesuit, hat in einem Buch über die Eucharistie dazu eine wunderbare Erzählung niedergeschrieben. Er beobachtet eine Küchenschwester in einer Kairoer Klosterschule, wie sie das Essen zubereitet, um ihr dann Folgendes zu sagen:

„Da stehen sie hier, liebe Schwester, bei ihren Töpfen, Pfannen und Schüsseln und hinter ihnen türmt sich der Berg frischen Gemüses vom Markt, und dort die Fische wollen geschuppt und zubereitet werden. Ist Ihnen dabei bewusst, dass sie Priesterin sind? Indem sie hier jahrein und jahraus an diesem großen Herd und an diesen Tischen hantieren, um alle Nahrungsprodukte umzuarbeiten, damit sie für den Tisch ihres Hauses bekömmlich und schmackhaft werden, tun sie ein heiliges Verwandlungswerk.

Durch sie wird sich der Elan ihre Mitschwestern erneuern, sie sind es, die ihre Ordensgemeinschaft innerlich einen durch das Mahl, das sie bereiten. Ist Ihnen bewusst, dass sie am Aufbau des Leibes Christi tatsächlich beteiligt sind? Sie sind Köchin, gewiss, aber tiefer gesehen sind sie ihrer Funktion nach gleichzeitig Priesterin.“

Das kleine Tun mitten im Alltag ist aus dieser Perspektive Mitarbeit an etwas Großem, hat Bedeutung und ein Ziel. Ich bin dann nicht mehr einfach ein kleines Rad im Getriebe, sondern bin mit Würde und Auftrag ausgestattet.

Maria, das Mädchen aus Nazareth, wurde tief in ihrem Alltag gefragt, ob auch sie bereit wäre, am göttlichen Verwandlungswerk mitzuarbeiten, und Mutter zu werden. Sie hat das Leben, das Gott im Wirken des Hl. Geistes in sie eingesenkt hat, bejaht und fortan all ihr Tun in einem neuen Licht gesehen.

Sie wird sich gesagt haben: ich bin Mitarbeiterin an der Verwandlung der Welt durch die Liebe Gottes, die in mir heranreift und sich durch mich dieser Welt ganz schenkt: das ist priesterliches Denken und Handeln. Und das gilt für jede und jeden von uns.

Der Hl. Ambrosius sagt dazu:

„Selig (bist du Maria), die du geglaubt hast. Selig seid aber auch ihr, die ihr gehört und geglaubt habt, denn jedes Herz, das glaubt, empfängt und gebiert das Wort Gottes und versteht sein Wirken.“

Der Glaube macht also das Leben fruchtbar und schön. Glauben bedeutet, sein Herz Gott zu geben und ihm zu vertrauen.

Dann kann er meine Augen für seine Anwesenheit in der Welt öffnen. Dann erst beginne ich zu verstehen, wie er wirkt und was mein Beitrag dabei ist. Dann begegnet mir der Sinn im Leben, dann bekommt mein kleiner Handgriff eine Bedeutung, die ich ihm durch - noch so viel Leistung - nicht geben kann, dann kann Gott mein Leben in das Gute verwandeln und eine Schönheit geben, die nicht von dieser Welt ist.

Papst Franziskus hat uns in seinem Schreiben „Patris corde - mit väterlichem Herzen“ für dieses neue Jahr einen Begleiter mitgegeben, den Hl. Josef. Auch in seinem Leben war es bedeutsam, auf Gott zu vertrauen und sich den Weg zeigen zu lassen, denn er hatte es wirklich nicht leicht.

Er hat sich in Maria verliebt und sie als seine zukünftige Frau gewählt. Und dann sieht er, dass sie ohne sein Zutun schwanger wird. Welch eine Traurigkeit und Verzweiflung muss ihn befallen haben. Aber er ist ein Glaubender. Und als solcher hat er gelernt, nicht über andere zu richten, sondern Gott das Feld zu überlassen.

Und so beschließt er, Maria nicht zu demütigen, sondern sich in aller Stille von ihr zu trennen. Und er lässt sein Ohr offen für Gott: Er erfährt im Traum, dass er den Weg mit Maria ruhig weitergehen kann. Das Ohr für Gott offen zu halten, ist auch für uns wichtig, denn es hilft uns, die nächste Wegmarkierung zu sehen und so unser Bestes geben zu können: unser Herz.

Liebe Schwestern und Brüder, ein neues Jahr hat also begonnen und ein sicherlich auch manchmal steiniger Weg liegt vor uns, der begangen werden möchte. Gott bietet uns mit diesem neuen Jahr Zukunft an.

Wir brauchen uns deshalb davor nicht zu fürchten, sondern sollen lernen, mit Glauben, Herz und Verstand diesen wichtigen Abschnitt unseres Lebens in Angriff zu nehmen. Wir sollen lernen, ein Ohr für Gott zu haben. Oder wie es uns der Hl. Paulus im Brief an die Epheser sagt:

Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid.“

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.01.2021 gesendet.





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