Heiliger Abend 

Predigt des Gottesdienstes aus der Schutzengelkirche, Eichstätt

Predigt von Bischof Gregor Maria Hanke OSB

Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude. Heute ist euch der Retter geboren.

Diese Worte rief der Engel den Hirten auf den Fluren von Betlehem zu, wie wir eben im Evangelium hörten. Die erschraken mehr über eine solche Begegnung als dass sie sich freuen konnten.

Was galten sie als Viehhirten schon in den Augen der Leute? Mitten auf den Weideflächen um Betlehem, dem Arbeitsplatz in ihrem harten Leben, erscheint ihnen plötzlich eine Lichtgestalt mit einer Botschaft, die so fremd ist. Und dann noch der himmlische Lobgesang!

Die Einladung des Engels, keine Furcht zu haben, alle Ängste loszulassen, denn es gibt jemanden, der befreien, retten kann, hat die rauen Gesellen bewegt. Wen plagen im Leben nicht Sorgen und Ängste! Angst vor Krankheit, Angst um eine Beziehung, Sorge um das Auskommen, Ängste vor der Zukunft.

Das war damals wie heute. Die Hirten ließen alles stehen und liegen und machten sich auf, nach dem Kind zu suchen, das nach des Engels Wort der Retter sein soll. Sie fanden das Kind. Unspektakulär, ja unscheinbar lag dieser Weltenretter in Windeln in einer Futterkrippe.

Welch ein Kontrast: der lichtvolle Engel mit der Botschaft vom Weltenretter, der überwältigende Engelschor und dann der primitive Futtertrog mit dem Kind darin. Ganz die Lebenswirklichkeit der Hirten.

Liebe Schwestern und Brüder, die Entdeckung der Hirten ist die eigentliche Weihnachtsbotschaft, sie ist noch bedeutender als der festliche Rahmen der Verkündigung an sie. Rettung, Heil und Heilung von Gott her setzen in der Wirklichkeit des Menschen ein, mag diese noch so armselig sein.

Fürchtet euch nicht, denn Gott scheut nicht Eure Realität. Er ist sich nicht zu gut dafür. Dort kommt er an. Ganz nahe bei Dir kannst du ihn finden.

Die Engel sind wieder entschwunden, doch diese Botschaft Gottes soll für alle Zeiten Geltung haben. So versammeln wir uns alljährlich zur Christmette, um uns diese Botschaft aufs Neue zusprechen zu lassen: Fürchtet euch nicht, denn das Heil bricht an in eurer Wirklichkeit!

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer zu hause. Wir hier in der Schutzengelkirche zu Eichstätt fühlen uns gerade wie die Hirten auf den Fluren Betlehems. Damals mag es eine kleine Schar an der Krippe gewesen sein. Wir hier in der Kirche sind auch nur wenig aufgrund der Corona-Regeln.

Ähnlich dem Hirtenfeld, als der Engelschor das Gloria sang: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade, schweben in dieser prachtvollen Barockkirche, wie ihr Name Schutzengelkirche sagt, über uns zahlreiche Engel in Stuck, auf Fresken oder in Bildern, 567 an der Zahl.

Doch bleiben unsere Engel stumm. Wir, die Hirtenschar von heute, sind eingeladen, Ihnen unsere Stimme zu leihen, ihren Jubelgesang fortzusetzen und an die eigentliche Botschaft zu erinnern.

Gott ist in unserer, in meiner Lebenswirklichkeit angekommen. Sie an den Rundfunkgeräten gehören zur Hirtenschar. Wir haben Grund, die Freude über die Weihnachtsbotschaft hörbar zu machen.

In der Krippe von Betlehem sind Himmel und Erde zusammengerückt. Gott, den wir nicht begreifen können, der uns oft so fern zu sein scheint, verbindet sich als Menschenkind Jesus untrennbar mit uns Menschen, mit der Welt, verbindet sich mit mir und meiner kleinen Welt.

Social distancing, das wir in diesen Corona-Zeiten untereinander sorgsam beachten müssen, gibt es von Gott zum Menschen seit der Krippe in Betlehem nicht mehr. Der Epheserbrief (2, 14 u. 17ff.) formuliert es unmissverständlich.

In Christus wurde die Trennwand niedergerissen, der Zugang zum Vater ist frei. Gottes Heil ist berührbar, erfahrbar für Dich und mich. Denn seit Jesu Geburt bin ich, ist die Welt von Gott umarmt. Gott zeigt ein menschliches Antlitz, seine Liebe kommt aus einem menschlich mitfühlenden Herzen.

Durch Jesu Erlösungstat verströmt sich Gottes Gnade, das heißt Gottes Liebe unaufhörlich in die Welt hinein. Es gibt keine bloß weltliche Welt mehr.

Die Nacht des Lebens ist erleuchtet.

Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn das Ereignis der Geburt Christi in Betlehem zeitlich lange zurückliegt, feiern wir in dieser nächtlichen Stunde keineswegs nur die Geschichte.

Die Weihnachtsliturgie versichert uns: Heute ist der Heiland geboren. Die Botschaft des Engels und die Erfahrung der Hirten leuchtet ins Heute wie ein Stern am Firmament. Dessen Licht vor langer Zeit seinen Ausgang genommen hat und heute sichtbar, spürbar ist.

Heute umarmt Gott die Welt, heute, morgen, mein ganzes Leben lang will er für mich berührbar und erfahrbar sein. Aber wie? Im Grau des Lebens, gerade dort, wo ich ihn am wenigsten vermute, überrascht er mich mit seiner Gegenwart wie damals die Hirten, die das Kind in der Futterkrippe fanden.

Weil Gott in Betlehem ein menschliches Antlitz annahm, gehe ich zur Krippe, wenn ich mich dem Bruder, der Schwester zuwende. Fürchtet euch nicht: ich darf und soll dem Mitmenschen ins Gesicht schauen.

Ich kann das Leben mit seinen Sorgen und Herausforderung in den Blick nehmen und muss mich nicht wegducken. Die Weihnachtsbotschaft sagt mir und Dir: Da ist Gott.

Liebe Schwestern und Brüder, eingangs haben wir das bekannte Weihnachtslied gesungen:

Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart ... und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.

Der Liedtext bezieht sich auf Christi Kommen und deutet das Ereignis als eine sich öffnende Blüte in der kalten Nacht der Welt, um die Welt zu verändern, zum Blühen zu bringen.

Die Worte des Liedes darf ich auf mich übertragen. Die Botschaft, dass Gott angekommen und in meinem Leben da ist, soll Knospen treiben, die Nacht vertreiben und mein Leben aufblühen lassen.

Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß. Mit seinem hellen Scheine, vertreibt’s die Finsternis.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist die große Freude, die die Engel Weihnachten verkünden: Gott ist Mensch geworden und ist uns damit so nahe gekommen, dass er Teil meines Lebens werden und so die Finsternis in der Welt und in meinem Leben vertreiben kann.

Frohe Weihnachten!

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 24.12.2020 gesendet.





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