Wort zum Tage, 04.01.2021

von Christopher Hoffmann, Neuwied

Treu und still umgeben

Es ist nass – grau. Ich bin in Berlin auf einem Friedhof. Weil ich dort den Gedenkstein von jemandem besuchen möchte, der mir in meinen nass-grauen Zeiten schon oft Hoffnung geschenkt hat. Mit seinem Lied.

Es ist der Gedenkstein des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er ging mit der „Bekennenden Kirche“ in den Widerstand gegen Hitler und wurde deshalb 1945 im KZ Flossenbürg umgebracht. Vor 77 Jahren schrieb er jenes Lied im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes, das mir noch heute Mut macht:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen.“

Ich habe es zum ersten Mal auf der Beerdigung einer Freundin gesungen, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Als ich keine eigenen Worte mehr hatte für das Unfassbare, was da geschehen war. Ich mag das Lied auch deshalb, weil es nichts beschönigt:

„Noch drückt uns böser Tage schwere Last“,

heißt es da.

„Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.“

Aufgeschreckte Seele, das trifft das Gefühl gut, dass ich nach dem Unfall hatte. Aber Bonhoeffers Lied schenkte mir damals und gibt mir auch heute eine Perspektive. Eine Perspektive aus dem christlichen Glauben, ohne die ich nicht leben kann.

Bonhoeffers Verse sind für mich Trost und Kraftquelle. Weil ich glaube, dass Not, Verlust und sogar der Tod nur das Vorletzte sind. Und dass das Letzte noch auf uns alle wartet.

Und auch für die aktuell so schwierige Zeit schenkt mir das Lied Trost. Trost fürs Hier und Heute: Die Zusage, dass da einer bei mir ist, wenn der Wecker morgens klingelt und ich realisiere: Ja, es ist immer noch Ausnahmezustand - und das weltweit.

An Weihnachten haben wir gefeiert, dass Gott in diese Welt gekommen ist. Einen Gott, der uns in der menschlichen Gestalt des Kindes aus Bethlehem nicht näher kommen könnte. Und das tut gut, in einer Zeit, in der wir auf menschliche Nähe in der gewohnten Weise noch verzichten müssen, um einander zu schützen.

Bonhoeffers Zeilen lassen mich hoffen, dass ich auch jetzt nicht alleine durch diese schwierige Zeit gehen muss. Dass ich bei Gott in diesem neu begonnen Jahr geborgen bin, und dass wieder bessere Zeiten kommen, für die er mich geschaffen hat, wie Bonhoeffer es so eindrucksvoll formuliert.

Und in dieser gläubigen Überzeugung schreibt er weiter:

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag –
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen. Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“


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Dieser Beitrag wurde am 04.01.2021 gesendet.


Über den Autor Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann, geboren 1985 im Hunsrück, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR.  Nach dem Studium der Theologie in Trier und Freiburg und der Seelsorgeausbildung im Rheinland ist er aktuell in der Pastoral für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Raum Neuwied aktiv. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er am ifp in München. In seiner Freizeit liebt er Musik und singt seit vielen Jahren in verschiedenen Bands und Chören. Kontakt: christopher.hoffmann@bistum-trier.de

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