Wort zum Tage, 23.12.2020

von Juliane Bittner, Berlin

Der Hirt mit den Krücken

Der Advent ist Zeit für Geschichten und Märchen. Selbst der biblische Bericht von der Geburt Jesu klingt märchenhaft. Da gibt es die Guten: die Hirten und die Engel, und die Bösen: den hartherzigen Herbergsbesitzer, den blutrünstigen König Herodes.

Wir hören von einem geheimnisvollen Stern und sehen die Karawane der Weisen aus dem Orient mit ihren Kamelen und mit kostbaren Geschenken nach Betlehem ziehen - fast wie ein Märchen aus „Tausend und eine Nacht“.

Das Weihnachtsevangelium von der Geburt des Kindes im Stall ist keine „Es-war-einmal-Geschichte“: Es ist eine „Alle-Jahre-wieder-Geschichte“. Immer wieder sagen wir diese Geschichte von menschlicher Wärme und himmlischer Freude weiter.

Obwohl wir wissen: Die Realität ist nicht idyllisch. Es ist die Hoffnung, die gegen die Realität ankämpft. Weil in diese Welt, diese verrückte Herberge, Jesus Christus kommt. Von solcher Hoffnung handelt auch das Märchen vom Hirten mit den Krücken:

Es war einmal ein Hirt. Er war groß und stark, aber er hinkte und konnte nur an Krücken gehen. Als in der Heiligen Nacht der Engel verkündete, dass in Betlehem das Jesuskind geboren ist, wandte er sich trotzig ab. Und als die anderen Hirten sich aufmachten, das Kind zu suchen, blieb er zurück und dachte:

„Was wird es schon sein? Ein Spuk, ein Traum!“

Die Zeit verging, „Und wenn es doch kein Spuk wäre?“ Er raffte sich auf, nahm die Krücken und humpelte den Spuren der anderen nach. Als er zum Stall kam, dämmerte bereits der Morgen.

Wo aber war dieses Kind? Der Hirte lachte bitter. Ha, es gab keinen Engel. Doch da entdeckte er die kleine Kuhle im Stroh, in der das Kind gelegen hatte. Und wusste nicht, wie ihm geschah: Er kauerte vor der leeren Krippe nieder.

Ganz warm wurde ihm ums Herz. Staunend ging er davon. Als er eine Weile gegangen war, merkte er, dass er seine Krücken bei der Krippe vergessen hatte. Er wollte umkehren. Aber warum? Zögernd ging er weiter. Dann mit immer festeren Schritten…

Eine Hoffnungsgeschichte. Sie erinnert mich an den Propheten Jesaja, der sagt:

„Blinde werden sehen und Lahme gehen, wenn die Herrlichkeit Gottes erscheint.“

(vgl. Jes 35)

Auf die Verheißung dieser göttlichen „heilen Welt“ kann ich bauen. Allem zum Trotz, was dem Heil und der Heilung entgegen zu stehen scheint.

Erzählung gekürzt: Axel Kühner: Hoffen wir das Beste, ISBN: 3-7615-1618-5© Aussaat-Verlag, D-Neukirchen-Vluyn.


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Dieser Beitrag wurde am 23.12.2020 gesendet.


Über die Autorin Juliane Bittner

Juliane Bittner, 1951 in Leipzig geboren, studierte in Ost-Berlin Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Diplom-Ökonom im staatlichen wie im konfessionellen Gesundheitswesen. Parallel dazu war sie als Autorin und Lektorin für den katholischen St.-Benno-Verlag Leipzig sowie als "DDR-Korrespondentin" für die deutschsprachige Sektion von Radio Vatikan tätig. Seit der deutschen Wiedervereinigung ist sie Journalistin und Medienseelsorgerin im Print- und Hörfunkbereich. Inzwischen im Ruhestand, halten fünf Enkelkinder sie frisch. Kontakt
(030) 509 04 11
juliane.bittner@erzbistumberlin.de

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