3. Adventssonntag

Predigt des Gottesdienstes aus dem Dom St. Petrus in Osnabrück

Predigt von Dompfarrer Dirk Meyer

Liebe Schwestern und Brüder,

Im Evangelium hören wir heute von Johannes dem Täufer. Er ist eine zentrale Gestalt in unserer christlichen Bibel. Dort wird wiedergegeben, wie er sich selbst verstanden hat, als einer, der sich beauftragt sah,

„Zeugnis abzulegen für das Licht“

(vgl. Joh 1,7)

Wir merken gleich: Das ist bildlich gesprochen. Johannes der Täufer spricht nicht vom normalen Licht, das unsere Augen erreicht, wenn die Sonne aufgeht oder eine Lampe eingeschaltet wird. Er spricht von einem besonderen Licht, das unser Inneres erhellt. Er spricht vom Licht des Glaubens.

Man muss etwas von der Art und von den Erfahrungen des Täufers besitzen, um so vom Licht sprechen zu können, wie er es tut.

Johannes der Täufer sieht also ein Licht kommen, das in das Innere der Menschen fällt, dahin, wo es wärmt und aufheitert – im Herzen. Dieses Licht kommt. Aber nicht einfach nur so.

Es wird vielmehr gebracht – gleichsam von einem „Lichtbringer“, einer Lichtgestalt – einer Person, die die Menschen wärmt, aufheitert und aufklärt. Johannes der Täufer lässt offen, wer diese Lichtgestalt ist. Die Menschen sollen selbst sehen, welcher Lichtgestalt sie trauen können und Glauben schenken wollen.

Letztendlich ist das eine Frage der Überzeugung – und diese Überzeugung ist dann unzweifelhaft, wenn die Lichtgestalt wahrhaftig und glaubwürdig ist.

Das christliche Evangelium ist überzeugt:

„Jesus von Nazareth ist das Licht.

Was enthält dieser kurze Satz? – Er enthält, was schon die ganze Bibel unter Licht versteht: Licht hat mit Gott zu tun – mit dem Höchsten, woran Menschen sich halten können.

Ganz am Anfang der Bibel – im Schöpfungsbericht – erscheint das Licht als Gegensatz zum Chaos. Zunächst ist die Erde „wüst und wirr, und Finsternis liegt über der Urflut“ (vgl. Gen 1,2). Da spricht Gott:

„Es werde Licht!“

(vgl. Gen 1,3)

Und damit kommt Helligkeit, Ordnung und Sinn in den Kosmos. – Jesus als Licht bewirkt etwas Ähnliches. Er vermittelt den Menschen, was Sinn stiftet. Durch seine Einfühlsamkeit bringt er die Menschen in Berührung mit sich selbst.

Er hilft ihnen zu erkennen, wer sie wirklich sind und dass sie so ihren Seelenfrieden finden – ihr höchstes Glück und ihre innigste Freude.

„Licht“ in der Bibel bedeutet auch, dass Gott erwartet, dass die Menschen die Dinge so sehen, wie sie sind. Vieles im Leben der Menschen spielt sich in einem geistigen Halbdunkel ab.

Sie verschleiern ihre Beweggründe und machen einander etwas vor. Sie begehen Taten, von denen sie wünschen, dass sie nie „ans Licht gebracht“ werden. – Jesus als Licht wirkt entlarvend. Sein Licht kann bloßstellen, aber es ist nicht kalt: Wie die Strahlen der Sonne regt es das Wachstum an und fördert die guten Kräfte der Seele.

„Licht“ in der Bibel heißt auch: Orientierung und Wegweisung durch die Gebote Gottes. Der Mensch in der Finsternis weiß keine Richtung und kein Ziel. Jeder Schritt ist gefährlich und kann in den Abgrund führen. Die Gebote Gottes stellen den Menschen ins Licht. Sie orientieren ihn und weisen ihm den Weg.

Jesus als Licht gibt geistige Führung und Wertmaßstäbe, ja er ist selbst der lebendige Maßstab für die Menschen, die an ihn glauben.

„Wer mir nachfolgt“, sagt er einmal, „wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

(Joh 8,12)

Das Evangelium bietet uns Jesus von Nazareth als Licht an – als den „Lichtbringer“, die Lichtgestalt, als den, der unser Leben mit Sinn erfüllt, der uns klar erkennen lässt, wer wir sind, und der unserem Leben Orientierung gibt, geistige Führung und eine Perspektive der Hoffnung.

Johannes der Täufer ist überzeugt: Das angekündigte Licht ist da. Er ruft aus:

„Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt…“

(Joh 1,26b)

Öffnet also eure Augen für das Licht, spürt die Nähe und die Gegenwart dieses Lichtes auf!

Ich persönlich sehe es so: Jesus ist in meinem Leben der Lichtblick schlechthin. Meine Beschäftigung mit ihm füllt mein Inneres aus mit Licht. Ich sehe in Jesus alles, was dem Leben dient – meinem Leben und dem Leben der Anderen.

Ich merke das an drei Punkten: (1) Jesus macht mich zutiefst glücklich und froh. (2) Er fordert mich heraus, die Dinge zu sehen, wie sie sind. (3) Und er schenkt meinem Leben eine Perspektive: Licht am Ende des Tunnels.

Dieses Licht leuchtet meine Wege aus, damit ich Schritte des Friedens und der Versöhnung gehen kann, Schritte der Gerechtigkeit und der Solidarität. Es leuchtet aber auch in den dunklen Momenten meines Lebens, wenn ich nicht sehen und erkennen kann, wie es mit mir und den anderen weitergehen soll.

In solchen dunklen Lebensphasen steht mir zumindest Jesus vor Augen, der als Lichtbringer selbst im tiefsten Dunkel saß und im Schatten des Todes und der doch noch Licht in sich trug, den Glutkern der Liebe Gottes, des Höchsten. Als Sterbender am Kreuz fand er seinen letzten Halt an Gott, der ihn schließlich aus dem Dunkel des Todes befreite, wie das Evangelium uns verkündet.

Johannes der Täufer hat Zeugnis abgelegt für das Licht. Es kann sich freuen, wer in Jesus dieses Licht erkennt und ihm vertrauensvoll folgt.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 13.12.2020 gesendet.





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