Am Sonntagmorgen, 22.11.2020

von Prof. Dr. Sabine Pemsel-Maier, Freiburg

Bischof – Heiliger – Geschenkebringer: Faszination St. Nikolaus

Am 06. Dezember ist das Fest des heiligen Nikolaus. Doch wer war der Mann? Und was ist mit der Zeit aus seinem Andenken geworden?

© Wikipedia / gemeinfrei

Eigentlich erstaunlich, dass in unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft ein Heiliger über die Konfessionen und sogar über Religionen hinweg so populär ist. Klar, es geht um Nikolaus – wer könnte sonst gemeint sein heute am sechsten Dezember.

Nikolausbräuche gibt es nicht nur bei Katholiken und Orthodoxen, sondern auch bei evangelischen Christen, die sonst den Heiligen eher zurückhaltend gegenüberstehen. Und weil er aus dem Gebiet der heutigen Türkei stammt, können ihm auch Muslime etwas abgewinnen.

Gemeinsame Nikolausfeiern erfreuen sich großer Beliebtheit und zu Hause stellen Kinder am Vorabend ihre Schuhe auf, damit Nikolaus sie mit Süßigkeiten füllen möge.

Mit Sicherheit würde sich Nikolaus ziemlich wundern, wofür er heute alles herhalten muss: als Weihnachtsmann für Schokolade, Pralinen, Likör, Parfüm. Und noch mehr würde er sich wundern, wie die Werbung ihn ausstaffiert: mit weißem Rauschebart, dickem rotem Mantel mit Pelzbesatz und Stiefeln. 

Bischof von Myra begründet Nikolaus-Kult

Das passt in die europäische Winterszeit, aber nicht wirklich in die Türkei. Womit wir beim Thema wären: Wer war er eigentlich, der historische Nikolaus? Und was hat er mit den Geschenken in den Schuhen zu tun?

Die Frage, wer der historische Nikolaus war, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Die Analyse von verschiedenen Quellen, unter anderem ein Bericht des Mönchs Johannes aus dem Studitenkloster in Konstantinopel aus dem fünften Jahrhundert und eine Nikolaus-Vita aus Kreta um das Jahr 700, lässt darauf schließen, dass zwei verschiedene Gestalten miteinander verschmolzen wurden.

Die eine und wichtigere historische Gestalt, die den Nikolaus-Kult begründet hat, ist dabei der Bischof von Myra. Er wurde um das Jahr 280 in Patara in der heutigen Türkei geboren, mit neunzehn Jahren zum Priester geweiht und später zum Bischof von Myra in der Region Lykien ernannt.

Wurde Nikolaus für seinen Glauben verfolgt?

Heute heißt der Ort Demre und liegt etwa hundert Kilometer südwestlich von Antalya. In Myra begannen kurz nach seiner Bischofsernennung heftige Christenverfolgungen unter dem römischen Kaiser Galerius Valerius Maximinus. Nikolaus wurde in diesem Zusammenhang gefangen genommen und gefoltert, doch er überlebte.

Aus diesem Grund zählt er zu den so genannten confessores, den Bekennern, die für ihren Glauben Verfolgung und Gefangenschaft erdulden mussten. Später nahm er, wie die damaligen Quellen es berichten, am ersten ökumenischen Konzil der Kirchengeschichte im Jahr 325 teil. 

In welchem Jahr Nikolaus starb, ist nicht genau überliefert; es muss um das Jahr 350 gewesen sein. Genau überliefert ist aber sein Todestag, der 6. Dezember, denn an diesem Tag versammelten sich die Menschen zum Andenken an ihn regelmäßig an seinem Grab.

Mit der Geburt Jesu und dem Weihnachtsfest, das zu dieser Zeit noch gar nicht gefeiert wurde, hat er also gar nichts zu tun; dass sein Gedenktag in die Adventszeit fällt, liegt einzig und allein an seinem Todestag.

Nikolaus wurde in der Kirche von Myra bestattet und bis heute ist dort bzw. in Demre sein Sarkophag zu sehen, jedoch mit aufgebrochener Seitenplatte. Der Überlieferung nach haben im Jahr 1087 italienische Seefahrer seine Gebeine geraubt und nach Bari gebracht.

Abt Nikolaus von Sion: War auch er der Nikolaus?

Es gibt eine weitere historische aber weniger bekannte Gestalt, die mit dem Mann aus Myra verschmolzen wurde: der Abt Nikolaus von Sion. Er lebte im 6. Jahrhundert, stammte aus dem Wallis und wurde später Bischof einer kleinen Stadt in der heutigen Türkei.

Auch er galt als großer Wohltäter, doch weiter ist von ihm nichts bekannt. Beide Gestalten verschmolzen miteinander zum heiligen Nikolaus, der bald intensive Verehrung erfuhr.

Ein Grund für die Verehrung des Nikolaus war seine Standfestigkeit im Glauben, durch die er für viele schon zu Lebzeiten zum Vorbild wurde. Der andere und wohl noch wichtigere Grund war seine Wohltätigkeit. Darum ranken sich viele Geschichten und Legenden, die bei aller Ausschmückung aber wohl einen wahren Kern haben werden.

Die bekannteste Geschichte davon erzählt, wie er einem verarmten Vater und seinen drei Töchtern half. Diese wollten gern heiraten, hatten aber keinerlei Geld für die Hochzeit oder eine Mitgift; eine Variante der Geschichte erzählt sogar, dass die drei Töchter ihr Geld als Prostituierte verdienen mussten, damit die Familie überleben konnte.

Da warf Nikolaus heimlich in der Nacht Goldstücke durch ihr Fenster – viele Darstellungen zeigen ihn darum mit drei Goldkugeln in der Hand. Diese Legende begründete den Ruf von Nikolaus als Geschenkebringer und den Brauch, ihm die Schuhe hinzustellen. Die Kinder bekamen statt Goldkugeln Äpfel, in vergangenen Zeiten ein besonderes und rares Gut.

Parallelen zwischen Jesus und dem Nikolaus

Einige Legenden parallelisieren die Nikolausgestalt mit Jesus Christus. Das gilt für die Seesturm-Legende, die deutliche Anspielungen auf die biblische Erzählung von der Stillung des Seesturms erkennen lässt: Nikolaus rettete demnach in Not geratene Seeleute vor dem Tod, indem er einen schweren Sturm auf dem Meer stillte.

Die Christus-Parallele gilt auch für die Legende von der Kornvermehrung: Während einer großen Hungersnot erfuhr Nikolaus, dass ein Schiff im Hafen vor Anker lag, das Getreide für den Kaiser in Byzanz geladen hatte. Er drängte die Seeleute, einen Teil des Kornes auszuladen, um die Not zu lindern und versprach, dass sie dafür keinen Schaden nehmen würden.

Verwundert stellten sie fest, dass sich das Gewicht der Ladung trotz der entnommenen Menge nicht verändert hatte. Das entnommene Korn aber reichte der Stadt Myra volle zwei Jahre und noch für die Aussaat.

Nikolausverehrung über Jahrhunderte

Solche Legendenbildung ist ein Zeugnis dafür, wie Nikolaus bereits zu Lebzeiten verehrt wurde. Im fünften Jahrhundert nahm der Nikolaus-Kult dann richtig Fahrt auf, zunächst in Griechenland. Von dort aus breitete er sich über Osteuropa bis nach Russland aus.

Im achten Jahrhundert wurde der Heilige dort so sehr verehrt, dass man ihn zum Landespatron machte. In den folgenden Jahrhunderten dehnte sich seine Verehrung nach Westen aus und lässt sich ab dem zehnten Jahrhundert auch in Deutschland, Frankreich und England nachweisen. Einige Orte sind nach ihm benannt, er ist Patron vieler Kirchen – besonders bekannt sind die großen Nikolaikirchen in den Hansestädten.

Aufgrund der Legende von der Rettung der Seeleute gilt der Heilige Nikolaus als Schutzpatron der Seefahrer, dargestellt wird er oft mit einem Schiff als Attribut. Legenden und volkstümliches Brauchtum formten über die Jahrhunderte das Nikolaus-Bild, das sich von dem ursprünglichen Heiligen immer mehr entfernte.

Nikolaus und Kindererziehung

Ab dem sechzehnten Jahrhundert erhält Nikolaus einen Begleiter, "Knecht Ruprecht" oder im alpenländischen Raum auch "Krampus" genannt. Er stellte – und stellt im Brauchtum bisweilen bis heute – den düsteren Gegenspieler zu dem mildtätigen Heiligen dar: Während Nikolaus für die braven Kinder Geschenke bringt, straft Knecht Ruprecht unfolgsame Kinder mit der Rute. 

Deutlich zeigt sich hier eine Moralisierung der Nikolausgestalt, durch die die Kinder zu mehr Frömmigkeit und gutem Benehmen erzogen werden sollten.

Aus dem ursprünglichen Kinderschreck Ruprecht wurde mit der Zurückdrängung der schwarzen Pädagogik dann ein Gehilfe des Nikolaus, der in einem Sack die Geschenke transportierte. Die Rute, entweder in seiner Hand oder in der von Nikolaus, gehört jedoch vielerorts weiterhin zum Inventar.

Nikolaus im „Struwwelpeter“ erstmals mit Zipfelmütze

Im neunzehnten Jahrhundert kam es dann zu einer anderen und neuen Entwicklung: Die Nikolausgestalt wurde in zunehmendem Maße säkularisiert und verlor die Attribute, die ihn als Bischof kennzeichneten, das Messgewand, den Bischofsstab, das Brustkreuz und die Mitra.

Einen solchen, seines religiösen Bezugs entkleideten Nikolaus stellt eindrücklich Heinrich Hoffmann 1845 in seinem berühmten Bilderbuch vom „Struwwelpeter” dar, das unzählige Eltern mit ihren Kindern gelesen haben. Nikolaus trägt dort die berühmte rote Zipfelmütze, von der man vermuten könnte, dass sie ihm als Ersatz für die Mitra zugewachsen ist.

Zugleich muss man wissen, dass diese Mütze genauso aussieht wie die in seiner Heimat Kleinasien verbreitete phrygische Mütze mit einer vorn überhängenden Spitze. Mit der hat es etwas Besonderes auf sich: Von dem sagenhaften König von Phrygien, Midas dem Ersten, wird berichtet, er sei vom Gott Apoll mit Eselsohren bestraft worden, weil er ihm widersprochen habe.

Weil Eselsohren schon in der Antike für einen König alles andere als angemessen erschienen, ließ sich Midas eine spitz zulaufende Mütze mit einem nach vorn geneigten Zipfel anfertigen, um die Ohren zu verdecken.

Sein geschwätziger Frisör plauderte zwar alles aus, doch das gereichte dem König nicht zum Nachteil. Denn seine Mütze wurde zum Symbol für den offenen Widerspruch, nicht nur zum Widerspruch gegen die Götter, sondern auch gegen staatliche Autoritäten und die Bevormundung „von oben”.

Das passt zum heiligen Nikolaus, der ja auch in gewisser Hinsicht subversiv war, weil er für die Armen eintrat. Ob das alles dem Verfasser und Zeichner des „Struwwelpeter“" bewusst war? Wir wissen es nicht, und die Forschung ist sich nicht ganz einig, ob die rote Mütze tatsächlich eine Reminiszenz an die phrygische Kopfbedeckung ist. 

Coca-Cola macht den Nikolaus zum Weihnachtsmann

Die Darstellung im „Struwwelpeter“ und weitere Abbildungen dieser Art machten jedenfalls Geschichte. Der nach Amerika ausgewanderte Deutsche Thomas Nast, der in den Staaten als Cartoonist arbeitete, ließ sich von dieser Nikolausdarstellung inspirieren, integrierte Elemente des russischen Väterchen-Frost und zeichnete im Jahr 1862 erstmals Santa Claus mit weißem Rauschebart, rotem Mantel und fellbesetzter Zipfelmütze.

Wirklich berühmt wurde dieses Outfit des Nikolaus allerdings erst 1931durch die Firma Coca-Cola, die sich dieser Figur für ihre Werbekampagne zu Weihnachten bediente – der Weihnachtsmann war geboren.

Heute hat es der Heilige Nikolaus als barmherziger Helfer und Gabenbringer mit Mitra und Bischofsstab nicht leicht gegen den weltlichen Weihnachtsmann, der mit dröhnenden Hohohoho-Rufen durch die Kaufhäuser tourt und zum Konsum animiert, auch wenn die Kirchen zu weihnachtsmannfreien Zonen und Aktionen ausrufen.

Zudem sorgt die Verbindung von Nikolaus mit Weihnachten dafür, dass der eigentliche Festinhalt – die Geburt Jesu Christi – möglicherweise in den Hintergrund gerät. 

Als Geschenkebringer musste Nikolaus schon einmal hinter dem Christkind zurücktreten. Da die Reformatoren die Heiligenverehrung ablehnten, ersetzte Martin Luther den Nikolaus im 16. Jahrhundert durch den "heiligen Christ", der am Weihnachtstag die Geschenke bringt, und dieser wurde wiederum zum Christkind stilisiert, auch in den katholischen Gegenden.

Mehr als ein bärtiger Mann mit Sack und roter Zipfelmütze

Wie also den Nikolaustag am 6. Dezember begehen? Ganz darauf verzichten, weil das alles doch nur Kitsch und Kommerz ist? Es bei einem Kinderfest oder bloßer Folklore belassen?

Es wäre ein Verlust an christlicher Tradition und Nächstenliebe, wenn die Erinnerung an den heiligen Nikolaus verblassen würde. Nikolaus wurde ähnlich wie der heilige Martin zum Urbild für überzeugtes und überzeugendes Christsein. An seinem Beispiel lässt sich ablesen, was christliches Leben und Glauben konkret bedeutet.

Nicht zuletzt steht er für alle diejenigen, die in der Geschichte bereit waren, für ihren Glauben einzustehen und sogar Verfolgung und Folter auf sich zu nehmen. Sie müssen wir im Gedächtnis behalten. Nikolaus ist darum alles andere als ein harmloser und etwas trotteliger bärtiger Mann mit Sack und roter Zipfelmütze.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Niki Reiser – Lara trifft Tom

Philharmonischer Kinderchor Dresden – Lasst uns froh und munter sein

Niki Reiser – Lara trifft Tom


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Dieser Beitrag wurde am 06.12.2020 gesendet.


Über die Autorin Sabine Pemsel-Maier

Sabine Pemsel-Maier aus Freiburg ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie studierte katholischen Theologie, Philosophie, Pädagogik und Germanistik; Promotion in ökumenischer Theologie. Außerdem übte Sie verschiedenste Tätigkeiten in Schuldienst, Lehrerausbildung, Erwachsenenbildung und Wissenschaft aus. Ihre Schwerpunkte sind: Ökumenische Theologie, Genderfragen, Religionspädagogik, Themen im Schnittfeld von systematischer und religionspädagogischer Theologie.

Kontakt
pemsel-maier@ph-freiburg.de

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