1. Adventssonntag

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Hammelburg

Predigt von Pater Michael Heinz SVD

Liebe Schwestern und Brüder,

Wenn Sie die Menschen in den Dörfern von San Ignacio, im bolivianischen Tiefland besuchen, brauchen Sie entweder einen Jeep mit Allradantrieb, ein Pferd oder viel Zeit, um die schlechten Wege zu Fuß zu meistern. Manchmal auch Alles zusammen.

Auf dem Land bestimmt die Sonne den Tagesrhythmus, denn elektr. Licht, Internet oder gar Wasserleitungen zum Haus gibt es nur in den wenigsten Orten, nahe der Kleinstadt San Ignacio. Ein Dorfbrunnen ermöglicht das Trinkwasser – es wird von den Kindern und Frauen zum Haus getragen. Duschen und Kleider waschen geschieht an einem weit abgelegenen Bach.

Die Familien verfügen meist über eine kleine Hütte – das Leben spielt sich unter einem Vordach vor dem Haus und eben draußen ab. Eine Schule ermöglicht den Kindern Grundkenntnisse im Rechnen und Schreiben und wenn der Nebenraum nicht von der Krankenschwester genutzt wird, die einmal pro Woche für ein paar Stunden vorbeikommt, dient er dem Lehrer als Schlaf- und Aufenthaltsraum.

Die Menschen leben vom Anbau ihrer Grundnahrungsmittel: Mais, Bohnen, Maniok, Reis und etwas Gemüse. Ein paar Hühner, Gänse, Schweine und vielleicht eine Milchkuh bilden das Grundkapital für Feste oder Notfälle. So ist das Leben auf dem Land in vielen Gegenden Lateinamerikas: einfach, hart und von Entbehrungen geprägt.

Sie, liebe Schwestern und Brüder unterstützen die Menschen in Lateinamerika über die Weihnachtskollekte seit nunmehr sechs Jahrzehnten. Dafür möchte ich Ihnen an dieser Stelle herzlich danken.

Mit der Eröffnung der Weihnachtsaktion 2020 am heutigen 1. Adventssonntag, wirft das Lateinamerika Hilfswerk Adveniat einen besonderen Blick auf die Menschen auf dem Land, in den kargen Andenregionen von über 4000 m Höhe genauso wie im tiefsten Amazonasurwald, in den vom Hurrikan zerstörten Atlantikregionen von Nicaragua bis hin zu den weiten, einsamen Landregionen Patagoniens, ganz im Süden Argentiniens.

Wir möchten, mit Ihrer Hilfe, gerade in diesem Jahr den Menschen weiterhin zur Seite stehen, denn auch in Lateinamerika sind die Folgen der Corona Pandemie verheerend.

Keine der Regierungen hat genug in ein brauchbares Gesundheitssystem investiert ganz zu schweigen von einer sozialen Absicherung wie wir sie aus Deutschland kennen: Die Menschen haben eigentlich nur die Wahl: entweder arbeiten und sich womöglich an Corona anstecken oder eben kein Geld um damit Lebensmittel für die verarmte Familie nach Hause zu bringen.

Die Kirche ist oft die einzige Einrichtung, die an der Basis, auch in den kleinsten Dörfern auf dem Land präsent ist. Katecheten und Gemeindehelfer stehen ihre Frau und ihren Mann, um der Not entgegen zu treten. Sie sind da für die Kranken und Alten, für die allein Gelassenen und behinderten Menschen.

Bei all dem versucht die Kirche auch die Menschen auf dem Land besonders zu unterstützen, indem sie Kurse im landwirtschaftlichen Anbau oder Gesundheitswesen anbietet, die Lehrer fortbildet, Internate für Kinder und Jugendliche unterhält, Gesundheitsposten finanziert, die Gemeindeleiter und vielen Laien ausbildet, die das kirchliche Leben in den kleinen Dörfern mittragen. Diese Liste könnte unendlich fortgesetzt werden…

Frauen sind es vor allem, die Hoffnung und Zuversicht geben, wenn Hilfe gebraucht wird. Die Weitergabe des Glaubens und des heimischen Brauchtums liegt sowieso in der Hand der Frauen. Aber auch die Männer packen mit an, wenn es z.B. um Gemeinschaftsarbeiten, den sogenannten „Mingas“ geht, wo alle zusammenstehen, um Wege zu reparieren oder einer Witwe ein neues Dach über dem Kopf besorgen. Mingas als Gemeinschaftsarbeiten sind gelebte Solidarität in den kleinen Dörfern, wo Jede und Jeder seinen Beitrag für die Gemeinschaft leisten kann.

So wie engagierte Frauen und Männer Hoffnungsträger für ihre Gemeinden sind, so will auch das Wort Gottes, das wir eben gehört haben, uns immer wieder aufrichten. Die erste Lesung aus dem Buch Jesaia ist ein Gebet „in dunklen Zeiten“, wie wir sie auch in unserem Leben erfahren.

Es ist ein Text, in dem die Verfehlungen anerkannt werden, zugleich aber die Hoffnung auf Gott ausgedrückt wird. So kann der Beter um Gottes Hilfe bitten, damit das Leben in Krisenzeiten und danach gelingt. Das Evangelium nach Markus macht darauf aufmerksam, dass wir die Zeichen der Zeit verstehen sollen, wenn wir sie aus dem Glauben und im Vertrauen auf Gott deuten.

Dies bedeutet, wachsam zu sein. Wachsam für die Ankunft Jesu Christi, für die Ankunft des Reiches Gottes unter uns. Wachsam für die Zeichen der Zeit, denn sie wollen uns eine Hilfe sein, Gott und sein Wirken in unserer Welt zu sehen und zu verstehen.

Dazu bringt Jesus im Evangelium den Vergleich mit dem Mann, der auf Reisen geht und seinen Dienern verschiedene Aufgaben überträgt. Sie verrichten ihre Tätigkeiten verantwortungsvoll – sie wissen ja nicht, wann ihr Herr wiederkommt. So sollen auch wir im eigenen Leben immer wieder aufmerksam sein für die Nöte des Nächsten, besonders die Armen.

Wachsam sein heißt nicht nur, das Fest der Geburt Jesu an Weihnachten entsprechend vorzubereiten. Es geht um die Zeichen der Gegenwart Gottes in meinen Leben. Denn sie wollen uns eine Hilfe sein, um die schwierigen Zeiten gut zu überstehen, Kraft zu haben, für das, was uns bedrückt, auch oder gerade in dieser Zeit der Corona Pandemie. Schöpfen wir also Hoffnung aus Gottes Wort und werden gleichzeitig durch unsere Solidarität zu Hoffnungsträgern für andere.

Das wünsche ich Ihnen für die kommenden Adventswochen und die beginnende Weihnachtszeit.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 29.11.2020 gesendet.





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