Am Sonntagmorgen, 22.11.2020

von Christian Feldmann, Regensburg

„Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Als polnische und deutsche Bischöfe die Versöhnung ihrer Länder einleiteten

Als vor 55 Jahren polnische Bischöfe deutsche Bischöfe um Vregebung baten, wollten sie damit einen Perspektivwechsel und einen Neuanfang einläuten. Das war am Ende  schwieriger als wohl gedacht.

© Alex Kozlov / Pexels

Es war nicht nur innerkirchlich eine Sensation, sondern auch ein politisches Erdbeben: Vor fünfundfünfzig Jahren, am 18. November 1965, also zwanzig Jahre nach Kriegsende, schrieben die katholischen polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder einen aufsehenerregenden Brief. Darin baten sie um Vergebung. 

Ausgerechnet die Polen, die unter der deutschen Besatzung unermessliches Leid erfahren hatten: Über sechs Millionen Tote, die meisten jüdischer Herkunft. Zweitausend in Lagern umgebrachte Priester. Brutale „Umsiedlung“ von 365 000 Polen noch vor dem deutschen Angriff auf Russland.

20 Jahre später dann ein Brief….

Der Schritt war in der gesellschaftlichen Situation 1965 auch deshalb so mutig, weil sich die Evangelische Kirche in Deutschland nur wenige Wochen vorher mit einer Denkschrift zur Lage der Vertriebenen und zur Ostpolitik einen Entrüstungssturm bis hin zu Morddrohungen eingehandelt hatte. 

„Versuchen wir zu vergessen!“

Das Schicksal der vertriebenen Deutschen blendeten auch die polnischen Bischöfe in ihrem Versöhnungsbrief nicht aus.

Aber sie bemühten sich, darin ein Gesamtbild der deutsch-polnischen Geschichte zu zeichnen, einer von Perioden guter Nachbarschaft aber eben auch von Eroberungsgelüsten und Unterdrückung geprägten Geschichte. Und sie zogen ein unerhörtes Fazit: 

„Trotz alledem, trotz dieser fast hoffnungslos mit Vergangenheit belasteten Lage (…), Hochwürdige Brüder, rufen wir Ihnen zu: Versuchen wir zu vergessen! Keine Polemik, kein weiterer kalter Krieg, aber der Beginn eines Dialogs (…). Wenn echter guter Wille beiderseits besteht (…), dann muss ja ein ernster Dialog gelingen und mit der Zeit gute Früchte bringen (…). In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils: Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“

Der Verweis auf das damals im Herbst 1965 zu Ende gehende Konzil ist wichtig. Die 35 das Dokument unterzeichnenden polnischen Bischöfe und Weihbischöfe, unter ihnen ein gewisser „Carolus Wojty?a“, sie hatten beim Konzil in Rom eine für katholische Verhältnisse ziemlich neue Aufgeschlossenheit und Gesprächsbereitschaft gelernt. Und sie waren dort immer wieder ihren deutschen Amtsbrüdern begegnet.

Es werde darum gehen, so hieß es in dem Brief, im Geist des Konzils und des seit zwei Jahren amtierenden Papstes Paul VI. einander kennenzulernen mit der jeweiligen Kulturvergangenheit und den entsprechenden religiösen Ausdrucksformen.

Perspektivwechsel

Die eigentliche Botschaft des Briefes war es, das Gemeinsame zu betonen und nicht das Trennende, die gemeinsame Geschichte und Tradition. Die Bischöfe erinnerten an den Eintritt Polens in das christliche Abendland; von Anfang an sei hier das Religiöse mit dem Nationalen eng verwoben gewesen –

„mit allen positiven, aber auch negativen Seiten“.

Im hohen Mittelalter ein beeindruckender kultureller Austausch zwischen Ost und West. Später die unrühmliche Rolle der Deutschordensritter. Die Leidensgeschichte eines mehrfach geteilten Landes; im 19. Jahrhundert Aufstände gegen die russischen Herren, die von liberalen und katholischen Deutschen mit heißer Sympathie begleitet wurden.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs dann ein Chaos aus Grenzverschiebungen, Flucht, Vertreibung, Umsiedlung: 7 Millionen Deutsche mussten das Land östlich von Oder und Neiße verlassen, 1,5 Millionen Polen wurden ihrerseits aus den sowjetisch gewordenen Ostgebieten vertrieben.

Plakative politische Lösungen waren nicht in Sicht und konnten von den Bischöfen auch nicht angeboten werden. Und dennoch hat der Brief Geschichte geschrieben und Zukunft eröffnet.

Bitte um Vergebung als eine Beleidigung?

Die polnischen Bischöfe hatten den Mut und die Weitsicht, den lähmenden Kreislauf von Vorwürfen und Revancheforderungen, von starrköpfigem Egoismus und Gesprächsverweigerung zu durchbrechen, der damals die Beziehungen zwischen den Nachbarländern bestimmte – oder soll man sagen, vergiftete? Josef Lüer, in jenen Jahren stellvertretender Vorsitzender der Maximilian-Kolbe-Stiftung, urteilt:

„Der polnische Brief war ein atemberaubendes Geschenk an die deutsche Seite, ein Hinauswachsen über die historische Situation und auch über einen Großteil der mentalen Disposition der polnischen Katholiken und auch der polnischen Bischöfe.“

Denn das Schreiben der Bischöfe wurde erst einmal von allen Seiten angefeindet, relativiert, mit aggressiver Empörung kommentiert. Von unversöhnlichen polnischen Katholiken, von deutschen Revanchisten – und natürlich von den kommunistischen Machthabern in Polen.

Parteichef Gomulka erklärte im Januar 1966 nach einer Sitzung der Parteispitzen in Moskau unverhohlen, das eigentlich Anstößige des Briefes liege darin, dass er Polen mit dem Westen verbinde und als Bollwerk des Christentums darstelle, was sich eindeutig gegen den Kommunismus und die Sowjetunion richte.

Die Bitte um Vergebung sei eine Beleidigung für das unschuldige polnische Volk. Nicht minder beleidigend sei es, von „Vertreibung“ zu sprechen; Polen habe als Siegermacht das Recht gehabt, die Deutschen umzusiedeln. 

„Przebaczamy – wir vergeben“

Die Partei äußerte Zweifel, ob der Versöhnungsbrief wirklich die Meinung aller Bischöfe wiedergebe. In der Tat hatte es Meinungsverschiedenheiten im Episkopat gegeben, bis sich schließlich aber eine deutlich versöhnungsbereite Fraktion um den Erzbischof Boleslaw Kominek von Wroclaw/Breslau durchsetzte.

Die polnischen Bischöfe, Verräter an der nationalen Sache, weit entfernt von der tatsächlichen Stimmung im Volk? Als der polnische Primas Stefan Wyszynski vom Konzil in Rom heimkehrte, bereitete man ihm jedenfalls einen triumphalen Empfang, und bei den Feiern zum tausendjährigen Jubiläum der polnischen Nation 1966 gab es Sprechchöre:

„Przebaczamy! Wir vergeben, wir vergeben!“

Am 18. November 1965 war der Brief der polnischen Bischöfe an ihre katholischen Amtsbrüder in Deutschland eingegangen. Diese wiederum veröffentlichten gut zwei Wochen später, am 5. Dezember 1965 ihre Antwort:

„Mit brüderlicher Ehrfurcht ergreifen wir die dargebotenen Hände. Der Gott des Friedens gewähre uns auf die Fürbitte der Gottesmutter, der Königin des Friedens, dass niemals wieder der Ungeist des Hasses unsere Hände trenne.“

Streitpunkt Oder-Neiße-Grenze?

In ihrem Schreiben baten die deutschen Bischöfe ihrerseits um Verzeihung. Dass sie dabei selbst aber – wie die polnischen Bischöfe – die gebotene Vergebung nicht aussprachen, war ein Zeichen von Taktgefühl. Von Seiten des Tätervolkes hätte so etwas nach Anmaßung geklungen.

Stattdessen brachten sie das Kunststück fertig, im Brief einerseits die Trauer der vertriebenen Schlesier, Pommern und Ostpreußen um die verlorene Heimat anzuerkennen und gleichzeitig der jungen Generation von Polen zuzugestehen, dass sie das Land, in das ihre Eltern von Sowjetrussland umgesiedelt wurden, ebenfalls als ihre Heimat betrachteten.

Eine politische Lösung müsse hier noch gefunden werden, schrieben die Bischöfe in Ihrem Brief – im Zeichen von Liebe und Gerechtigkeit.

Doch zu der Forderung der polnischen Amtsbrüder nach Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze sagten die westdeutschen Bischöfe kein Wort; was einige polnische Bischöfe wiederum bitter enttäuschte.

Laiengruppen starten Versöhnungsinitiativen

Die deutschen Oberhirten hatten Angst, ihren Gläubigen dieses heiße Eisen zuzumuten. Die Polen hatten das Thema Oder-Neiße-Grenze in ihrem Brief freilich als „Existenzfrage“ bezeichnet. Und – bei allem Mitgefühl für das Leid der deutschen Vertriebenen – um Verständnis für das Sicherheitsbedürfnis der polnischen Seite geworben.

Entsprechend frostiger klang darum auch das, was die polnischen Bischöfe wenig später in einem Hirtenbrief an die eigenen Katholiken schrieben. Dort versuchten sie das umstrittene Versöhnungsangebot zu rechtfertigen, und gingen in der Wortwahl dabei auf ihre Kritiker zu.

„Hat die polnische Nation einen Grund, unseren Nachbarn um Vergebung zu bitten? Sicherlich nicht. Wir sind überzeugt, dass wir als Nation im Laufe der Jahrhunderte dem deutschen Volke kein politisches, wirtschaftliches und kulturelles Unrecht getan haben. Aber wir teilen auch den christlichen Grundsatz, dass „es keine unschuldigen Menschen gibt“.

Wir sind überzeugt, dass, wenn auch nur ein einziger Pole sich als unwürdiger Mensch erwiesen hat, wir schon einen Grund zu dem Wort hätten: „Wir bitten um Vergebung“, wenn wir eine Nation von edelgesinnten und großmütigen Menschen sein wollen, eine Nation einer besseren Zukunft.“

Diese Einordnung der polnischen Bischöfe änderte nichts an der Signalwirkung des ersten Schreibens. Katholische Laiengruppen in Deutschland starteten private Versöhnungsinitiativen.

Tausendjährige Geschichte deutsch-polnischer Beziehungen nicht vergessen

Der polnische Primas Wyszynski und der gerade zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählte Kardinal Döpfner ließen sich nicht von ihren Treffen abhalten.

Auch in den Vertriebenenverbänden gab es erstaunliche Gesprächsprozesse, auch wenn sie letztlich nicht bereit waren, die Ansätze einer neuen Ostpolitik mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze mitzutragen.

Mit ihrem Entschluss, sich nicht auf das Kriegsende 1945 zu fixieren, sondern auf die tausendjährige Geschichte deutsch-polnischer Beziehungen zu blicken, hatten die Bischöfe jedenfalls Weitsicht und Mut bewiesen.

Von einer schicksalhaften deutsch-polnischen Erbfeindschaft sollte keine Rede mehr sein. Die Atmosphäre zwischen den beiden Ländern veränderte sich. Im Dezember 1970, ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende, wurde ein „Vertrag über die Grundlagen der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen“ unterzeichnet.

Das klang geschraubt, aber den Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt damals vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Getto verstand jeder. Zwei Jahre später nahmen Bonn und Warschau offiziell diplomatische Beziehungen miteinander auf.

„Versöhnungsgottesdienst“ auf Gut Kreisau

Die endgültige Wende kam dann in den 1980er Jahren, und sie begann mit Ausbrüchen der Gewalt: Die kommunistische Führung versuchte das zarte Pflänzchen der Gewerkschaft „Solidarno??“ zu zerschlagen, viele der verfolgten Aktivisten emigrierten nach Westdeutschland, wurden gastfreundlich aufgenommen, konnten politisch weiterarbeiten.

Nach dem Ende des polnischen Kommunismus 1989 warb der neue Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki in seiner ersten Regierungserklärung für eine – wörtlich – „echte“ Aussöhnung mit den Deutschen nach dem Vorbild der deutsch-französischen Freundschaft.

Gemeinsam mit Bundeskanzler Helmut Kohl nahm er an einem „Versöhnungsgottesdienst“ auf Gut Kreisau im einstigen Schlesien teil, wo sich während des Zweiten Weltkriegs bürgerliche Widerständler im Kreisauer Kreis getroffen hatten.

1990 folgte der deutsch-polnische Grenzvertrag, 1991 der „Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“, der auch die Rechte der deutschen Minderheit in Polen regelte und eine hoffnungsvolle europäische Perspektive enthielt.

Deutschland und Polen heute 

Narben blieben. Manchmal schien es, als habe der Versöhnungsprozess gerade erst angefangen. In den 1990er Jahren wurde in der Bundesrepublik endlich offen über die NS-Vergangenheit debattiert, wuchs eine Erinnerungskultur, thematisierte man aber auch den alliierten Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung, das Schicksal der deutschen Opfer.

Was in Polen für Verunsicherung sorgte: Wollte sich Deutschland aus der Verantwortung stehlen? Machte es Polen seine Opferrolle streitig? Obwohl Deutschland für Polen das wichtigste Exportland ist, nehmen unter der gegenwärtigen europafeindlichen Regierung ein geschichtsblinder Nationalismus und antideutsche Ressentiments zu.

Und unter den Deutschen wächst das Misstrauen, wie das sog. Deutsch-polnische Barometer zeigte, eine repräsentative Umfrage in beiden Ländern der Körberstiftung von 2018: Immerhin noch 56 Prozent der Polen empfinden demnach für ihr Nachbarland Sympathie, in Deutschland sind es umgekehrt nur 29 Prozent. Und während 64 Prozent der Polen die deutsch-polnischen Beziehungen als gut einschätzen, tun dies nur 31 Prozent der Deutschen. Vielleicht wäre es an der Zeit, einen neuen Versöhnungsbrief zu schreiben.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

John Ottman – I’m sorry

Vladimir Cosma – L’homme de Suez

OST – The End Of An Era

Fazil Say – Kumru, Op. 12/2

Ludovico Einaudi – Divenire


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Dieser Beitrag wurde am 22.11.2020 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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