Wort zum Tage, 27.11.2020

von Diakon Paul Lang, Amöneburg

Black Friday

„Black friday“. Die Bezeichnung klingt dramatisch. Dabei weiß niemand so genau, woher sie eigentlich kommt: Sind es die schwarzen Trauben von Menschen, die die Geschäftsstraßen an diesem Tag füllen? Oder die schwarzen Zahlen, die die Geschäftsleute heute schreiben wollen? Oder die vom Geldzählen geschwärzten Finger?

Seit Jahrzehnten steht „black friday“ in den USA über dem heutigen Tag. Viele US-Bürger nutzen ihn als freien Brückentag zwischen dem gestrigen Feiertag „thanksgiving“ und dem Wochenende.

Er ist ein beliebter Einkaufstag, der Auftakt zum Weihnachtsgeschäft. Seit einigen Jahren lässt sich der Online-Handel auch in Deutschland vom black friday inspirieren. Geschäfte machen im Internet. Längst ist das eine Selbstverständlichkeit. Vielen verursacht das Stirnrunzeln.  

Meine Eltern haben viele Jahrzehnte ein kleines Geschäft geführt. Eine große Rolle spielte bei allem Verkaufen immer der soziale Kontakt. Es wurden Neuigkeiten ausgetauscht, diskutiert, auch Sorgen geteilt; manchmal gab es Lebensberatung so ganz im Vorbeigehen.

Auch nach Feierabend wurde noch geklingelt. Daran kann ich mich gut erinnern; das hat mir als Kind gar nicht gefallen. Für jeden Kunden hatten meine Eltern Zeit, allen hörten sie zu und versuchten, so gut wie möglich, jeden zu bedienen. Ein enges soziales Netz.

Als meine Eltern in den Ruhestand gingen, wurde das Geschäft geschlossen. Gerade noch rechtzeitig. Längst war abzusehen, dass ein kleiner Laden auf dem Land keine Zukunft haben würde. 

Im Ruhestand lernte meine Mutter, einen Computer zu bedienen. Ein Email-Konto ließ sie sich von mir einrichten.

„Du bist so oft weit weg, wie soll ich denn da sonst Kontakt halten?“,

war ihre Begründung. Und tatsächlich, während eines längeren Aufenthaltes im Ausland, war es meine Mutter, die mich auf dem Laufenden hielt. Und die per E-Mail an meinem Leben in der fernen Stadt Anteil nahm.

Soziale Netzwerke im Internet ernten viel Kritik. Wir unterscheiden „echte“ Kontakte und „virtuelle“. Internet verändert die Welt. Geschäftsleben hat sich gewandelt. Der black friday zeigt es.

Aber was soziale Kontakte anbetrifft, sehe ich das Internet als großartige Erfindung. Wieviel Kontakt ist da möglich! Video-Schaltungen mit Freunden, Familientreffen online, Begegnungen in Bild und Ton. Meine Mutter hat das vor etlichen Jahren schon gespürt. Vorbildlich, wie sie sich um diese Technik bemüht hat!

Um die Menschen geht es. Jesus hat das seinen Zuhörern oft gesagt, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger das bloße Einhalten von Regeln gefordert haben.

„Der Sabbat ist für den Menschen da“,

hat er eingewandt. Wenn sozialer Kontakt durch Internet gewinnt, kann ich gut mit Online-Handel leben.


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Dieser Beitrag wurde am 27.11.2020 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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