Wort zum Tage, 26.11.2020

von Diakon Paul Lang, Amöneburg

Thanksgiving

„Du, können wir heute Morgen wieder das mit den Perlen machen, wie gestern Abend? Das war schön.“

Mit großen Augen blickt die kleine Antonia zu mir auf. Wir sind auf Kinderfreizeit. Ein gemeinsames Abend- und Morgenlob gehört zum Programm.

Perlen sammeln am Morgen – das ist schwierig, schießt es mir durch den Kopf, aber der erwartungsvolle Blick der kleinen Antonia belehrt mich eines Besseren. Gestern Abend hatten wir uns im Andachtsraum versammelt.

Nach einem Lied war die Einladung erfolgt, den vergangenen Tag noch einmal anzuschauen.

„Guckt mal, was Ihr heute alles erlebt habt. Fangt in Gedanken früh am Morgen an: Denkt vielleicht an das Wecken, das Frühstück, den Schulweg. Dann der Unterricht, Eure Lehrerinnen und Lehrer. Pausen mit den Mitschülern.

Später der gemeinsame Aufbruch in das Wochenende. Schaut Euch besonders an, was Euch gefallen, was Euch gut getan hat. Das nehmt wie eine Perle in Eure Hand. Jedes schöne Erlebnis ist eine solche Perle. Ob jeder von uns fünf zusammen bekommt?“

Und wie wir die zusammen bekommen haben. Mit leuchtenden Augen saßen alle da.

Und nun – am Anfang eines Tages, Perlen sammeln? Antonia wünscht es sich. Ich beginne zu überlegen: Was wird heute alles auf mich zukommen?

Begegnungen, Arbeit, Einsamkeit und Gemeinschaft, eine Online-Konferenz? Gespräche, der Blick in die Zeitung, eine Fernsehsendung, ein Buch, ein Gang durch den Garten, ein Weg zum Einkaufen, eine Fahrt mit dem Bus oder dem Auto?

Wie viele Menschen werden dafür sorgen, dass das alles geschehen kann…, dass ich sicher vorwärtskomme, meine Wünsche erfüllt, meine Aufgaben erledigt werden? Und mit wie vielen werde ich vielleicht ein Lächeln austauschen, selbst wenn ich dabei eine Corona-Maske trage?!

Je länger ich nachdenke, desto mehr mögliche Perlen fallen mir ein. So viele Chancen, dass mir etwas Schönes begegnen wird. Eine Perle, eine ganze Menge Perlen erwarten mich, wenn ich es recht bedenke.

In den USA feiern die Menschen heute „Thanksgiving“. Am vierten Donnerstag im November, so ist es festgelegt. Es ist so etwas wie ein Erntedankfest. Ein Festessen zelebrieren Amerikaner heute.

Das wichtigste am ganzen „Thanksgiving“ aber, lese ich, ist das Dankgebet vor dem Essen. Darin soll alles eingeschlossen werden, wofür jeder einzelne im vergangenen Jahr dankbar ist. 

Den Blick auf die Perlen eines Tages, eines ganzen Jahres zu richten, ist mir sympathisch. Eigentlich sollte ich mir viel mehr Zeit dafür nehmen, nicht nur einmal im Jahr, nicht nur einmal am Tag: Den Blick schärfen für die schönen Dinge und das, wofür ich dankbar bin.


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Dieser Beitrag wurde am 26.11.2020 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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