Wort zum Tage, 24.11.2020

von Diakon Paul Lang, Amöneburg

Wertvolles Laub

Einer der letzten sonnigen Herbsttage. In der Karlsaue in Kassel gehe ich spazieren. Ein zwei- oder dreijähriger Junge fällt mir auf. Er ist mit seinem Vater zu Fuß unterwegs.

Zwischen seinen Handflächen trägt der kleine Pimpf ein paar große Laubblätter. Wie einen wertvollen Schatz hält er sie behutsam und doch sicher vor sich. Sein Gesicht sagt:

„Sind sie nicht schön, meine Blätter?!“

Während ich weitergehe, bleibt mir dieses Bild vor Augen.

„Was waren das eigentlich für Blätter, von welchem Baum?“,

frage ich mich. Groß waren sie, rot und gelb gefärbt. Herbstlaub eben, vielleicht Ahorn. Warum der Kleine genau diese Blätter ausgewählt hat? Wegen der Farbe, ihrer Größe? Ich weiß nicht. Was ich weiß: Für ihn sind sie etwas Besonderes. Das ist nicht zu übersehen. Wertvoll.

Ich denke an die Unmengen Laub, die ich in meinem Garten im Herbst schon zusammengerecht habe und die noch auf mich warten. Wertvoll – Laub?

„Was macht eine Sache wertvoll?“,

frage ich mich nach der Begegnung mit dem Jungen im Park. Er bestimmt das selbst. Und ich? Bestimme ich das nicht auch selbst?

Ich denke an das zerfledderte Märchenbuch in meinem Regal: Meine Großmutter hat daraus vorgelesen. Es hat den Bombenkrieg überstanden, wenn auch mit Blessuren. Etliche Seiten und der Einband fehlen, Stockflecken sind darauf.

Trotzdem: Für mich ist dieses Märchenbuch wertvoll, wertvoller als ein Neudruck auf hochwertigem Papier. Mein achtsamer Blick und mein behutsamer Umgang mit diesem Buch machen das jedem deutlich.

Von Kindern können Erwachsene diesen wertschätzenden Umgang lernen. Etwa auch von Saint-Exupérys kleinem Prinzen. Während der einen vorbeidonnernden Schnellzug beobachtet, ist er in Gedanken bei allen Kindern, die in diesem Zug unterwegs sind.

Der kleine Prinz sinniert: Die Erwachsenen eilen von A nach B und zurück, scheinbar ziellos. Anders die Kinder:

„Sie haben es gut“,

stellt er fest.

„Sie wissen, wohin sie wollen. Sie wenden ihre Zeit an eine Puppe aus Stoff-Fetzen, und die Puppe wird ihnen sehr wertvoll…“

Wer diktiert mir, welchen Wert ich einer Sache, einem Ereignis, einer Begegnung beimesse? Ich habe das genauso in der Hand wie ein Dreijähriger im Park einen Packen Laub.

Der achtsame Blick auf die Welt. Die Wahrnehmung des Schönen. Die Wertschätzung dessen, was mich umgibt. Das ruft mir der Dreijährige ins Gedächtnis. Mit dieser Haltung in einen neuen Tag zu gehen, lohnt. Da bin ich sicher.

Ich habe es in der Hand, mich an Schönem zu freuen. Ein neuer Tag. Heute.

„Danke, guter Gott, dafür. Er ist etwas Besonderes. Du schenkst ihn mir.“


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Dieser Beitrag wurde am 24.11.2020 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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