Wort zum Tage, 23.11.2020

von Diakon Paul Lang, Amöneburg

Weitsicht

Mitten in Hessen, auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Kassel liegt Amöneburg. Mitten in einer fruchtbaren Beckenlandschaft erhebt sich der Ort auf einem kleinen schroffen Berg.

Dessen Basaltgestein und markante Form lassen von weitem den vulkanischen Ursprung erahnen. Schon in vorgeschichtlicher Zeit siedelten Menschen hier.

Heute - ein beliebtes Ausflugsziel der Region. Rund um den Gipfel der Amöneburg führt ein Fußweg: der Mauerrundweg. Er bietet eine großartige Aussicht. Vor ein paar Tagen bin ich ihn gegangen.

Es war kalt und windig, kaum ein wenig Sonne. Aber die Fernsicht war großartig; viel besser als im Sommer. Richtung Norden: der Kellerwald. Da war das Hohe Lohr zu erkennen. Im Südwesten: der Dünsberg vor Gießen, östlich: der Hoherodskopf im Vogelsberg, dann das Knüllköpfchen. Die Wasserkuppe in der Rhön und der Große Feldberg im Taunus waren am Horizont auszumachen.

Noch leuchten die herbstlichen Farben. Aber bald verschwinden das Rot und das Orange, die Welt wird grau. Der Herbst erinnert mich daran: Das Leben vergeht. Das stimmt mich traurig.

ch denke an schöne Erlebnisse im Sommer, manche Unternehmung, Radtouren, Wanderungen. Wie schön der Sommer war! Mit den vielen Sonnentagen hat er über manche Einschränkung der Corona-Pandemie hinweg getröstet. Das ist vorbei. Jetzt ist Herbst.

Unwillkürlich schießt mir durch den Kopf: Wie gut das Jahr eingerichtet ist. So schön der Sommer auch war, die Luft war oft diesig, voller Schlieren, der Blick in die Ferne verschwommen.

Erst der Herbst verleiht uns Weitsicht. Wind und Regen beseitigen Schmutzpartikel. Erst wenn die Sonne schwächer wird, entsteht eine besondere Thermik. Sie bewirkt, dass die unteren Luftschichten sauberer bleiben. So erklären es die Meteorologen.

Der keltische Kalender setzte mit dem November den Jahreswechsel an. Wenn die Natur sich zur Ruhe begibt, waren die Kelten überzeugt, beginnt das neue Jahr.

Beim Nachdenken empfinde ich es ähnlich: Auch – und gerade da – wo ich auf den ersten Blick dem Vergangenen nachtrauere, gibt es Neues und Schönes zu entdecken.

Erst mit dem Winter wird der Weg wieder frei werden für einen neuen Frühling. Wie schön! Ein Psalm, ein Gebet im Alten Testament, formuliert das so:

„Herr, mein Gott, wie groß bist du! *

Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet. Wie zahlreich sind deine Werke, / sie alle hast du mit Weisheit gemacht, *

die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.“  

Ich wünsche Ihnen und mir in diesen Herbsttagen Erfahrungen der Fernsicht. Sie machen Hoffnung auf den nächsten Frühling und lassen uns gleichzeitig das Jetzt genießen.


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Dieser Beitrag wurde am 23.11.2020 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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