Morgenandacht, 18.11.2020

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Alltag unterbrechen

Manchmal kann ich es kaum erwarten, bis bei einer Tagung die Pause angesagt wird. Kaffee und lockerer Austausch tun einfach gut. Es gibt sogar die Beobachtung, dass die wichtigsten Ideen einer Tagung nicht selten in solchen Pausen entstehen. Vielleicht sind die Menschen in lockerer Atmosphäre ja kreativer!?

Unterbrechungen sind vielfach wichtig im Leben. In Pausen und Ferienzeiten regenerieren sich die Kräfte und es geht wieder besser weiter. Früher hat man Felder bewusst brach liegen lassen, damit sich der Boden erholt und Nährstoffe sich wieder neu bilden können.

Der Theologe Johann Baptist Metz (1928-2019) hat folgenden Ausspruch geprägt:

„Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung.“[1]

Religion hilft dem Menschen ursprünglich dazu, Pausen zu machen. Religiöse Feste im Lauf eines Jahres lassen den Menschen innehalten und durchatmen. Jeder Sonntag unterbricht den Alltag, um dem Menschen Zeit einzuräumen, wieder neu zu Kräften zu kommen.

Der heutige Tag war eigentlich einmal als ein solcher Unterbrechungstag gedacht, initiiert von der Evangelischen Kirche: der Buß- und Bettag. Seit 1995 ist dieser Tag nur noch in Sachsen ein gesetzlicher Feiertag, in Bayern haben die Kinder unterrichtsfrei.

Nur noch wenig tatsächliche Unterbrechung also, könnte man sagen. Freilich scheinen auch die Themen Buße und Beten in der Öffentlichkeit kaum noch salonfähig zu sein.

Buße ist ein altes Wort. Man denkt heute noch an Bußgeld für Falschparken. Dabei geht es eigentlich nicht um eine Strafe, sondern um Umkehr, um eine Besinnung auf die Dinge im Leben, die ich vielleicht ändern muss.

Und so lud ein öffentlich-rechtlicher Radiosender vor einigen Jahren die Hörerinnen und Hörer am Buß- und Bettag dazu ein, anzurufen und Geschichten aus dem eigenen Leben zu erzählen, für die man sich geschämt hat. 

Außerdem höre ich in diesem Jahr immer wieder, wir müssten alle umdenken, unseren Lebensstil überdenken, uns einschränken und verstärkt auf Schwächere Rücksicht nehmen.

Auch wenn der Hintergrund bedrückend ist – die Botschaft ist sehr alt: Menschen, haltet inne, denkt über eure Art zu leben nach und vergesst die Armen und Schwachen nicht! Dass wir eine Neubesinnung und eine Trendwende brauchen, davon ist immer wieder die Rede.

Mir ist, als gehört diese Art von Unterbrechung sehr notwendig zum menschlichen Leben – so als eine Art Stoppschild: Stehen bleiben und nachdenken!

Und das Beten? Ich erlebe in diesen schwierigen Zeiten oft Menschen, die sagen: Was soll man da noch sagen? Wo soll das alles hinführen? Vielleicht ist es gut, sich in der eigenen Sprach- und Ratlosigkeit an ein Gegenüber wenden zu können, um nicht zu zerbrechen.

Und dazu braucht es nicht einmal besondere Worte. In einer alten jüdischen Weisheitsgeschichte lese ich folgendes:

"Rabbi Mendel pflegte zu sagen, alle Menschen, die von ihm wünschten, dass er in ihren Anliegen zu Gott beten möge, würden, wenn er das stille Gebet verrichte, durch seinen Sinn gehen. Als jemand verwundert fragte, wie das möglich sei, da doch die Zeit dafür niemals reiche, antwortete Rabbi Mendel: „Von der Not eines jeden bleibt eine Spur in meinem Herzen eingeritzt. In der Stunde des Gebets öffne ich mein Herz und sage: „Herr der Welt, lies ab, was hier geschrieben steht!“[2]

Ich nutze den Tag heute auch als Katholik zu meiner ganz persönlichen Unterbrechung, zum Innehalten – dazu, an viele geplagte Menschen zu denken und meine vielen Sorgen abzugeben.


[1] Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, 19782, S. 150.

[2] gefunden in: Der Prediger und Katechet, 6/90, S. 78.


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Dieser Beitrag wurde am 18.11.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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