Morgenandacht, 19.11.2020

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Erinnerung wachhalten

„Wir verwenden Cookies beim Besuch unserer Website und setzen Ihr Einverständnis voraus.“

Na toll … Cookies sind kleine „Einmerkerl“, die im Internet gesetzt werden, um nachzuverfolgen, wo ich mich im Netz bewegt habe. Hat was von 'memory'. Das Internet vergisst nichts.

Es nervt mich, wenn fast schon bei jeder Seite erst eine Cookies-Datenschutz-Beschreibung aufploppt! Ich versuche, Cookies immer wieder schnell zu löschen. Aber Werbung kommt trotzdem andauernd. Ein unangenehmer Memory-Effekt!!

Zum Glück gibt es auch viele angenehme Memory-Effekte. Schön ist, dass ich mich gerne und gut an freudige Erlebnisse erinnere. Da gibt es zum Beispiel die herrliche Aussicht auf dem Gipfel bei der letzten Bergwanderung. Die speichere ich ab, wenngleich der Aufstieg mühsam war und mich der Muskelkater hinterher ein bisschen plagte.

Das Einmerkerl setzte ich ganz bewusst nicht beim Muskelkater, sondern bei dem weiten Blick. An den erinnere ich mich immer, wenn ich grade in Gefahr bin, den Überblick zu verlieren.

Auch in der Erinnerung an Menschen wählen wir Eigenschaften, die wir aufbewahren wollen; und die verbinden wir dann mit der gesamten Biografie. Bei Nachrufen zu Beerdigungen wird das oft eigens gesagt:

„Wir werden ihm oder ihr stets ein ehrendes Andenken bewahren!“

Andenken – Memory!

Manches Verhalten wird sogar über Jahrhunderte im ehrenden Andenken überliefert – zum Beispiel die Geschichte der heiligen Elisabeth von Thüringen, deren Gedenktag Christen heute begehen.

Elisabeth hatte sich um Arme und Bedürftige gekümmert. Armenfürsorge gehörte zwar im 13. Jahrhundert zu den traditionellen Aufgaben einer Landesfürstin, doch Elisabeth wollte nicht nur von ihrem Überfluss geben. Sie verschenkte zunehmend ihren Schmuck und trug nur zu höfischen Anlässen widerwillig ihre prächtigen Gewänder.

Dass sie persönlich aussätzige Kinder pflegte und sogar Verstorbene für deren Beerdigung wusch, empfand ihr Umfeld als Zumutung. Weil sie die Erwartungen an ein standesgemäßes Leben nicht erfüllen wollte und konnte, verließ die Witwe Elisabeth mit ihren Kindern die Burg.

Nachdem sie dann doch noch eine Entschädigungssumme erhalten hatte, gründete sie 1228 ein Hospital vor den Stadtmauern von Marburg.

Legendär ist das Rosenwunder geworden. Als Elisabeth eines Tages in die Stadt geht, um den Armen Brot zu geben, obwohl ihr gerade dies unter Strafe verboten ist, trifft sie die Mutter ihres Mannes, die ihre Barmherzigkeit nicht gutheißt.

Auf die Frage, was sie in dem Korb habe, den sie bei sich trägt, antwortet Elisabeth, es seien Rosen im Korb. Ihre Schwiegermutter bittet sie, das Tuch zu heben. Widerwillig hebt Elisabeth das Tuch, und im Korb sieht die Schwiegermutter tatsächlich nur Rosen.

Diese Sorge um die Bedürftigen hat sich im kollektiven Bewusstsein eingeprägt. Elisabeth hat die Welt sicherlich nicht verändert, wohl aber das Verhalten unzähliger Menschen geprägt. Das nenne ich Memory!

Ich meine: Wenn Terroristen Angst und Schrecken verbreiten können, dann können doch Menschen, die aus Liebe zu den Menschen handeln, die Atmosphäre einer menschenfreundlichen Welt verbreiten – und andere damit anstecken.

Wenn sich Heilige wie Elisabeth, Martin und Franz von Assisi über Jahrhunderte sogar bei den Menschen im Bewusstsein gehalten haben, die sich für wenig religiös halten, dann ist das für mich ein angenehmes Beispiel von Cookies oder Memory in der Welt.

Und ich frage mich, an welchen Stellen in meinem Leben ich freiwillig Cookies setzen würde, damit es mir und anderen in Erinnerung bleibt!


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 19.11.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche