Morgenandacht, 21.11.2020

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Balance halten

Ein bisschen wacklig fühlt sich das Ganze an, und noch bin ich nicht hundertprozentig entspannt. Aber dennoch scheint es zu funktionieren. Zum ersten Mal in meinem Leben sitze ich auf einem Pferd. Ich habe eine Reitstunde geschenkt bekommen.

„Roxana wird Ihnen keine Probleme machen,“ beruhigt mich vorher die Reitlehrerin. „Aber bringen Sie bloß keine Hektik mit!“ - Was bleibt mir also übrig?

Ich lasse meine Hektik daheim und reite! Und tatsächlich: Roxana scheint sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und trägt mich geduldig auf ihrem Rücken. Freilich löst schon die geringste Bewegung meinerseits etwas bei ihr aus.

Schon ein Zucken signalisiert ihr einen Befehl und ihre Bewegungen wirken kräftig auf mich – meine Beine, meinen Rücken. Aber insgesamt bleiben wir in der Balance! „Nirgends kann man Gleichgewicht besser trainieren als beim Reiten,“ sagt mir die Lehrerin. 

An dieses Reiterlebnis, das nun schon einige Jahre zurückliegt, erinnere ich mich oft. Denn um Balance geht es immer, wenn ich mit Menschen in Beratungs- oder Seelsorgegesprächen zusammen bin.

Schon klar, da geht es nicht um Pferde, aber beim Thema Sensibilität gibt es dennoch viele Gemeinsamkeiten. Mein Gegenüber registriert, wie achtsam ich bin. Sehr oft ist präsentes Zuhören schon so hilfreich, dass Ratsuchende selbst in der Lage sind, ihren Weg zu finden.

Und eine kleine Bewegung in meinen Gesichtszügen ist nicht selten schon Reaktion genug, um möglicherweise eine Aussage nochmal zu bedenken. Dagegen ist es mir schon passiert, dass mein Gegenüber sofort bemerkt, wenn ich zum Beispiel auf dem Sessel herumrutsche oder auf die Uhr schaue.

Da kann schnell der Satz kommen: „Sind Sie unter Zeitdruck? Müssen wir schon wieder schließen?“

„Bringen Sie keine Hektik mit,“ so sagt die Reitlehrerin. Und das gilt auch für jedes Gespräch. Hektik überträgt sich immer auf andere und macht ein gutes Ergebnis von vornherein unmöglich.

In einem Buch über Führungsprinzipien habe ich gelesen: „Leiten Sie mit aller Hingabe!“[1] Das hat nichts mit gewaltsamem Sich-Durchsetzen zu tun, sondern damit, welche Ausstrahlung ich mitbringe.

Ich entdecke solche Überlegungen übrigens auch in Texten der Bibel, die bald 2000 Jahre alt sind. Im Kolosserbrief werden Grundregeln für menschliches Zusammenleben aufgelistet. Dort ist mit alten, aber nicht weniger stimmigen Worten beschrieben, was wir heute mit Balance bezeichnen. Es heißt dort:

„Bekleidet euch also (…) mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt einander und vergebt einander! … Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen.“ (Kol 3,12-15*)

Demut, Milde, Geduld – alte Worte, aber sie treffen sehr gut unser „Einfühlungsvermögen“. Mir gefällt es, dass sich über 2000 Jahre hinweg eine Grunddimension menschlichen Miteinanders immer wieder bewahrheitet hat: Nämlich die Balance zu halten, aufeinander zu hören, Empathie zu zeigen und versuchen, situationsgerecht zu reagieren.

Mittlerweile bin ich dreimal auf einem Pferd gesessen, nicht gerade viel Erfahrung. Aber was zwischen Mensch und Pferd gilt, lässt sich auch auf die Begegnung von Menschen übertragen: Auf die rechte Balance kommt es an!


[1] Bill Hybels, Die Kunst des Führens. Meine Führungsprinzipien auf den Punkt gebracht, München 2009, S. 278.


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Dieser Beitrag wurde am 21.11.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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