Morgenandacht, 20.11.2020

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Hoffnung ausstrahlen

„Ich denke, wir müssen hoffnungsvolle Menschen sein!“

Das sagte mir ein Arzt bei einem Weiterbildungskurs für Palliativmedizin. Ich sprach dort über die persönliche Haltung und fragte nach Eigenschaften, die Ärzte in diesem wichtigen letzten Abschnitt der Lebensbegleitung mitbringen sollten. Und da sagte einer genau diesen Satz:

„Ich denke, wir müssen hoffnungsvolle Menschen sein!“

Das hat mich sehr beeindruckt. Ein hoffnungsvoller Mensch zu sein dort, wo das Leben in eine scheinbar hoffnungslose Phase gelangt ist – das finde ich stark!

Mir kommt dieses Wort in den Sinn, wenn ich über die schwierigen Umstände dieses Jahres nachdenke: Pandemie, Lockdown, überfüllte Intensivstationen auf der einen Seite, Menschen, die um ihre Existenz bangen, auf der anderen.

Und nun kommt das alles wieder – vergleichbar wie im Frühjahr oder vielleicht noch schlimmer? Wie sollte man da ein hoffnungsvoller Mensch sein können?

Mir tun in diesen Zeiten Menschen gut, die trotz aller widrigen Umstände zuversichtlich für andere da sind.

Das ist zugegebenermaßen gar nicht so einfach, aber es gibt diese Hoffnungsmenschen: Leute, die im alltäglichen Wirrwarr Stabilität schenken. Und dann frage ich mich: woher nehmen die Hoffnungsspender eigentlich selbst ihre Kraft?

Es gibt ein Wort des tschechischen Dichters und Politikers Vaclav Havel (1936-2011), das mir in diesen Monaten sehr zu Herzen geht:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."

Diese Worte könnten sehr gut als Beschreibung dienen für das Wirken von allen beruflich oder ehrenamtlich Helfenden: Hoffnung ausstrahlen, das können Menschen, die selbst von Sinn erfüllt sind! Dabei geht es nicht darum, die Probleme klein oder schön zu reden, sondern sich gemeinsam auf die Suche nach dem Sinn des Augenblicks zu machen.

Das geht, wenn man mit der Grundüberzeugung unterwegs ist: Das Leben hat grundsätzlich einen tiefen Sinn, selbst wenn ich den Sinn eines Momentes oder einer Phase nicht entdecken kann.

Das bedeutet nun nicht, Krisen wie die gegenwärtige vorschnell mit einem Sinn-Etikett zu behaften, so nach dem Motto: „Wer weiß, wofür es gut ist?“ Das wäre zynisch.

Es geht dabei vielmehr um den je eigenen großen Lebenssinn, der mir auch unter schlimmen Bedingungen festen Boden unter den Füßen verleiht. Nicht jeden Tag ist mir dieser große Sinn greifbar.

Aber ich kann jeden Tag einen kleinen Sinnanruf an mich ganz persönlich finden, das ist für mich außerordentlich hoffnungsvoll. Ich entdecke so viel Sinnvolles gerade in diesen Wochen und Monaten.

Ich erlebe Menschen, die mehr als sonst auf den Schutz von alten und schwachen Menschen bedacht sind und Rücksicht nehmen. Ich erlebe Menschen, die unglaublich kreativ dabei sind, sich Alternativen in Bildung und Kunst auszudenken oder Kontakte herzustellen, wo Menschen sonst plötzlich vom Leben abgeschnitten wären.

Hoffnungsvoll zu sein heißt für mich zu wissen, nicht heute die gesamte Krise lösen, erklären, deuten oder leben zu müssen, sondern jeden Tag wieder neu zu gestalten zu dürfen.

Das biblische Wort:

„Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen“

(Mt 6,34)

besitzt für mich aktuell eine sehr starke Bedeutung. Das ist viel mehr, als nur zu sagen „Bleib locker! Reg dich nicht auf! Wird schon werden!“ Für mich geht es um das gute alte Wort „Gottvertrauen“, das gerade in so einer Krisenzeit tragen kann. Dieses Gottvertrauen, das uns Hoffnungsmenschen sein lässt, wünsche ich uns.


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Dieser Beitrag wurde am 20.11.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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