Morgenandacht, 17.11.2020

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Gemeinsam schwingen

Wie viele Konzerte wurden in diesem Jahr wohl schon abgesagt? Ich selbst habe schon ein ganzes Päckchen Karten von verschobenen und ausgefallenen Konzerten zuhause.

Umso glücklicher war ich, als ich vor ein paar Wochen zu einem Klavierabend in ein kleines, aber feines Konzerthaus eingeladen war, der dann auch tatsächlich stattfand.

Das Klavierduo Jaara Tal und Andreas Groethuysen war zu Gast und spielte eine Stunde lang vierhändig auf einem Instrument. Ich habe mich an diesem Abend doppelt gefreut: dass überhaupt wieder mal ein Konzert sein konnte und dann noch dazu mit so einem tollen Duo.

Als besonderes Geschenk empfand ich es, in der ersten Reihe sitzen zu dürfen mit unmittelbarem Blick auf die Hände der beiden Künstler. Da teilen sich zwei Vollblutmusiker ein einziges Klavier. Beide hätten genügend Energie, um alleine mit ihrer Tastenakrobatik zu brillieren.

Aber sie spielen gemeinsam auf einer Klaviatur und müssen sich – im wahrsten Sinne des Wortes – ihre „Spielräume“ gut aufteilen. Erstaunlich, wie ihnen das gelingt – teils greifen die Hände übereinander und ineinander, teils legt die Pianistin ihre linke Hand auf ihre Schulter, um dem musikalischen Kollegen Platz zu machen.

Dann verschwindet der männliche Part ganz in den tiefen Tönen, um der Dame den Raum zu überlassen.

Es ist eine Kunst – dieses Spiel von Höhen und Tiefen, von Nähe und Distanz, von Solo und Duo, von Miteinander und Gegeneinander. Und bei allen Gegensätzen schwingen die Künstler doch harmonisch miteinander.

Die Gegensätze dieser Veranstaltung werden auch äußerlich ganz schön sichtbar: In dem Saal, in dem sonst 197 Personen Platz finden, sind an diesem Abend nur 23 Plätze besetzt. Wie seltsam für alle! Viele leiden unter der gegenwärtigen Situation – die Künstler, die Intendanten der Häuser und die Veranstalter, aber natürlich auch die Musikliebhaber, die gerne in Konzerte gehen würden.

An diesem Abend jedoch steht die Harmonie im Vordergrund. Das gemeinsame Spiel funktioniert, weil die beiden die Möglichkeit nutzen und sich den vorhandenen Platz gut aufteilen.

Damit das geht, ist eine innere Zustimmung zu diesem gemeinsamen Unternehmen die Voraussetzung. Wenn jeder der beiden sich beschweren würde, warum nicht mehr Platz zur Verfügung steht oder warum nicht mehr Leute da sind, würde die Kunst nicht zur Entfaltung kommen. 

Die Ermutigung, zu versuchen miteinander im Einklang zu leben, ist schon in den Texten der Bibel zu lesen. Im Römerbrief des Apostels Paulus gibt es Verhaltensregeln für den Alltag eines Christenmenschen, die meinen Erfahrungen aus dem vierhändigen Klavierkonzert sehr ähnlich sind. Ich lese dort im 15. Kapitel:

„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! Seid untereinander eines Sinnes! (…) Haltet euch nicht selbst für klug! Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“

(Röm 12,15-18)

Mit allen Menschen Frieden zu halten, ist ganz schön schwer! Aber ich mache die Erfahrung, dass der Versuch, wie die beiden Pianisten nach Einklang zu streben, sich auch im Alltag lohnt. Wenn jemand viel Raum braucht, ist es nicht gut, gleichzeitig denselben Raum zu beanspruchen. Wenn jemand unterzutauchen scheint, ist es gut, ihn suchen zu gehen.

Stehen die äußeren Zeichen momentan nicht gut, dann könnte es helfen, kreativ zu sein und wie die beiden Künstler alternative Programme zu entwerfen. Mir hat dieses Konzert Mut gemacht, auch mitten in der Krise mit mir und meiner Umwelt möglichst im Einklang zu leben.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 17.11.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche