Morgenandacht, 16.11.2020

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Gemeinsam tragen

Ich hätte noch viel länger zuhören können, so beeindruckend waren die Schilderungen aus diesen 50 gemeinsamen Jahren. Ein befreundetes Ehepaar hatte mich eingeladen, seine Goldene Hochzeit gemeinsam vorzubereiten.

Obwohl ich die beiden schon einigermaßen lange kenne, gab es da noch sehr viele völlig neue Einblicke in das lange gemeinsame Leben. Zum Beispiel, dass es da eine Schwester des Ehemannes mit einer schweren Behinderung gab, für die die beiden viele Jahre Sorge getragen haben, bis sie mit 35 Jahren verstorben ist.

Oder dass die beiden immer sehr unter ihrer Kinderlosigkeit gelitten hatten. Darüber hatten wir noch nie gesprochen. Oder auch dass der Mann aus Rücksicht auf seine Frau auf eine besser bezahlte Stelle verzichtet hat, weil das eine größere Reisetätigkeit bedeutet hätte.

„Das waren ja ziemlich große Herausforderungen für Sie beide“,

sage ich nach einer Weile, beeindruckt durch diese geballten Schilderungen von schwierigen Situationen. „Das kann man wohl sagen“, antwortet die Frau, eifrig zustimmend.

„Aber wissen Sie: Ich habe zwei Schultern und mein Mann hat auch zwei Schultern. Und was den Schultern des einen zu viel wurde, haben die Schultern des anderen getragen.“

Und der Mann fügt Augen zwinkernd hinzu:

„Und unser Nachbar ist Physiotherapeut, der hatte immer alle Hände voll zu tun, unsere Schultern wieder in Ordnung zu bringen.“

Ich staune, wie humorvoll die beiden mit ihren Erfahrungen im Rückblick umgehen. Das Schwere fühlt sich beinahe leicht an. Und ich bin ganz erfüllt von der Dankbarkeit, die die beiden Eheleute zu ihrer goldenen Hochzeit ganz bewusst auch vor Gott bringen wollen.

Ein Vers aus der Bibel soll im Gottesdienst vorkommen, den hat ihnen nämlich der Pfarrer schon damals zur Hochzeit ans Herz gelegt. Dieser Vers steht im Galaterbrief des Apostels Paulus und heißt:

„Einer trage des anderen Last!“

(Gal 6,2)

Das klingt zunächst nicht sehr romantisch als Wahlspruch für eine Hochzeit. Aber die Ehefrau sagt:

„Mir war dieses Wort immer wie ein Geländer, an dem ich mich gehalten habe, wenn grade viel zu schultern war. Und ich war mir auch immer sicher, dass da noch einer ist, der uns beiden tragen hilft. Bei dem wollen wir uns bedanken!“

„Einer trage des anderen Last.“ Ich ziehe den Hut vor diesem Ehepaar. Denn nicht selten gibt es ja nicht nur die Last des anderen zu tragen, der oder die andere kann ja selbst auch mal zur Last werden. Darum heißt es in einem weiteren Bibelvers:

„Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat!“

(Kol 3,13)

Einander tragen – ertragen. Auf lateinisch heißt das tolerieren, Toleranz zeigen. Das heißt nicht „Mir ist alles Recht!“ oder gar „Mir ist alles egal!“.

Wenn ich an das Ehepaar denke, dann bedeutet es: Jeder von uns ist anders, aber jeder hilft mitzutragen an dem, was grade anfällt. Mir ist bewusst, dass das nicht gerade einfach ist – weder in einer Zweierbeziehung noch im gesellschaftlichen Leben.

Den heutigen 16. November hat die UNESCO vor 25 Jahren zum Internationalen Tag für Toleranz erklärt. Damals haben die 185 Mitgliedsstaaten „Prinzipien der Toleranz“ formuliert.

Damit ist ein Aufruf zur Gewaltlosigkeit gegenüber Anders-Denkenden verbunden. Dabei geht es nicht nur um passives Erdulden, sondern um eine positive Haltung der Großzügigkeit.

Ich denke, eine solche Haltung könnte in der gegenwärtigen schwierigen Zeit auch helfen, nicht nur über Einschränkungen zu klagen, sondern die Ermutigung mit auf den Weg zu nehmen: Mit vereinten Kräften können wir das schultern!


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Dieser Beitrag wurde am 16.11.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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