Feiertag, 01.11.2020

von Christian Feldmann, Regensburg

„Ein deutscher Katholik kann niemals Nazi sein!“ Zum 75. Todestag von Pater Rupert Mayer

Ein patriotischer Frontseelsorger, der klar und deutlich gegen die Nationalsozialisten predigte: Rupert Mayer gilt als einer der schärfsten und bekanntesten katholischen Gegner Hitlers. Geschwiegen hat er aber zu den Umständen, die Hitler an die Macht brachten.

© Wikipedia / gemeinfrei

Am 28. Februar 1937 steigt in Eichstätt ein etwa sechzigjähriger Priester auf die Kanzel der Domkirche, um zu predigen. Man sieht ihm die schwere Kriegsbeschädigung an, den linken Fuß zieht er etwas nach: Es ist eine Holzprothese, das Bein hat er 1916 an der rumänischen Ostfront verloren. 

Doch der Invalide ist eine markante Erscheinung. Drahtige Figur, kerzengerade Haltung, ein scharfgeschnittenes Gesicht mit Augen wie aus Stahl, buschigen Brauen, schmalen Lippen und einem Kinn, das eiserne Willenskraft verrät.

Der Gastprediger heißt Rupert Mayer, eigentlich führt er in München die Marianische Männerkongregation. Doch in Eichstätt will er über ein heikles Thema sprechen: die „Entchristlichung des öffentlichen Lebens“.

Wegen „Kanzelmissbrauchs“ vor Gericht

Der Jesuitenpater Mayer kommt schnell zur Sache: Zunächst habe der Staat das kirchliche Vereinsleben eingeschränkt, Fahnen und öffentliche Auftritte verboten. Dann die katholische Presse und jetzt die katholischen Schulen.

Rupert Mayer meldet flammenden Protest gegen solche Repressalien an, er nennt die staatlichen Methoden „niederträchtig“ und schließt mit dem Appell:

„Liebe Christen! Es ist notwendig, auf der Wache zu stehen! Es geht jetzt an das Lebensmark des katholischen Volkes, ja des christlichen Volkes! (...) Ich möchte wissen, was man einem katholischen Menschen antun könnte, wenn er bei allen Angriffen und Verleumdungen gegen den Glauben aufsteht und sagt: Das lasse ich mir nicht gefallen! Wenn das alle so machten mit einem Schlag, liebe Freunde, es würden andere Saiten aufgezogen.“

Das ist natürlich eine glatte Kampfansage an die Nazi-Bonzen und die längst gleichgeschalteten staatlichen Behörden, und die Predigt wird auch so verstanden.

1937 befinden sich die Nazis auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Offene Opposition wird unnachsichtig geahndet. Und so wird Pater Mayer tatsächlich wenige Monate später wegen „Kanzelmissbrauchs“ vor Gericht gestellt.

Eisernes Kreuz Erster Klasse für den Armeepfarrer

Ein zäher Widerstandskämpfer gegen die Diktatur, wortgewaltig, verwegen, geradeheraus, aufrichtig in einem selbstmörderischen Ausmaß. Ein kantiger Priester, der vor Lüge und Gewalt niemals umfiel und dem die Wahrheit über alles ging.

Das ist das gängige Bild des Münchner Jesuiten, der den braunen Terror nur dank der List seiner Ordensoberen überlebte und 1987 seliggesprochen wurde: 

Aber es gibt auch andere Bilder von Pater Rupert Mayer: Da existieren Fotos aus den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Stolz reckt er uns die Brust mit den militärischen Auszeichnungen entgegen, die er damals auf zahllosen Kundgebungen getragen hat.

Heute ist das ein ziemlich komischer Anblick. Mayer, der Traditionskatholik, der als erster deutscher Armeepfarrer das Eiserne Kreuz Erster Klasse erhielt. Gewiss, Mayer schoss nicht selbst, er kümmerte sich auch um verletzte und tote Franzosen, ein Chauvinist und Kriegshetzer war er bestimmt nicht.

Aber er hat diesen Krieg auch nicht in Frage gestellt, nie an die falschen Ideale gerührt, mit denen Eroberungsgelüste und Geschäftsinteressen verkleistert wurden. 

Verliebt in Gott und die Menschen

Und auch das war Rupert Mayer: der in Gott und die Menschen leidenschaftlich verliebte Priester, der jeden Samstag sechs, sieben Stunden im engen Gehäuse des Beichtstuhls saß, eine Tortur für einen Kriegsinvaliden.

Der fantasievolle Seelsorger, der um vier Uhr früh in die Krankenhäuser wanderte, um dort die Messe zu feiern, der sich als Sozialarbeiter betätigte und neue Wege in der Großstadtpastoral ging. Der rhetorisch eher schlichte, aber durch seine Haltung ungemein überzeugende Kanzelredner.

Rupert Mayer, der tieffromme Christ, der das Evangelium radikal wörtlich nahm und ganz in der Nähe Gottes leben wollte:

„Es muss Wärme von uns ausgehen, den Menschen muss es in unserer Nähe wohl sein, und sie müssen fühlen, dass der Grund dazu in unserer Verbindung mit Gott liegt.“

Woher kam Rupert Mayer?

1876 in einer Stuttgarter Kaufmannsfamilie geboren, spielte der kleine Rupert daheim das Nesthäkchen, lernte Violine, entfaltete einen fast schon fanatischen Sinn für häusliche Ordnung. Doch gleichzeitig entwickelte er sich zu einem begeisterten Schwimmer und Reiter.

Später als Theologiestudent kam Mayer öfters in Reitstiefeln in die Vorlesungen, verkleidete sich bei einem mit Bravour absolvierten Schaureiten als Indianer, lernte tanzen, holte aber auch seine Kommilitonen am frühen Sonntagmorgen unbarmherzig zum Gottesdienst aus dem Bett. Warum er Priester werden wollte?

„Aus Liebe zu den Menschen“,

erklärte er Jahre später im Gefängnis denkbar knapp; um seine Person hat er nie viele Worte gemacht.

Im Seminar bescheinigte man ihm ein gewinnendes Wesen und Fleiß, aber auch einen unbeholfenen Intellekt und ein schlechtes Gedächtnis. Nach seiner Priesterweihe aber machte er mit zäher Disziplin solche Fortschritte, dass ihn seine Ordensoberen als Volksmissionar durch ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz schickten.

Bis zu siebzig Predigten im Monat

1912 begann er in München ganz neue Methoden der Großstadtseelsorge zu erproben. Die bayerische Hauptstadt hatte damals schon über eine halbe Million Einwohner, und jedes Jahr kamen bis zu zehntausend Menschen dazu, die hier Beschäftigung suchten.

Pater Mayer entwarf ein zukunftsträchtiges Modell von Wohnviertelapostolat: Abend für Abend machte er Hausbesuche bei den Neuzugezogenen, erkundigte sich nach ihren Sorgen, informierte über Gottesdienstangebot und kirchliche Gruppen, aber auch über soziale Einrichtungen.

Und dann scharte er engagierte Laien aus den Arbeitervereinen und der Jugend um sich, schulte sie in regelmäßigen Zusammenkünften und schickte sie ebenfalls in die Häuser.

1921 ernannte ihn Kardinal Faulhaber zum Präses der traditionsreichen Männerkongregation. Er hielt bis zu siebzig Predigten im Monat, gab Exerzitien – und kümmerte sich wieder intensiv um jeden Einzelnen.

Rupert Mayer und die Nazis

Münchens bekanntester Seelsorger war der richtige Mann, um die Auseinandersetzung mit der neuen Heilslehre der Nazis auf breiter Front aufzunehmen. Er hatte ihnen von Anfang an aufmerksam zugehört, viele ihrer Versammlungen besucht, Hitler hatte er 1919 pikanterweise in einer Kommunistenversammlung kennengelernt.

Pater Mayer ließ sich weder von Hitlers patriotischen Elan täuschen noch von dessen Propaganda für ein sogenanntes „positives Christentum“ blenden. Schon ganz früh stand Mayers Urteil über den „Führer“ der braunen Bewegung fest:

„Ein Hysteriker reinsten Wassers.“

Es war ein kleines Wunder, dass der freimütig seine Meinung sagende Kriegsinvalide aus all den aufgeheizten Parteiversammlungen heil herauskam:

„Immer wieder habe ich es mir überlegt und bin an den Lokalen vorbeigegangen. Soll ich hineingehen? Dann geht´s los: ‘Saupfaff elendiger!’ Aber ich sagte mir: Ich muss hinein! Wenigstens ein Drittel ist drinnen, die noch keine Stellung bezogen haben, und denen muss man zeigen, dass man auch etwas dagegen sagen kann.“

„Katholik kann nicht Nazi sein“ 

1923 im Bürgerbräukeller war wieder einmal die Hölle los, als Rupert Mayer dort auf einer Propagandaveranstaltung der „Hakenkreuzler“ souverän die Meinung vertrat:

„Ein deutscher Katholik kann niemals Nationalsozialist sein!“

Der Jesuit wurde niedergeschrien, doch immer wieder gelang es ihm, das ohrenbetäubende Pfeifen mit ein paar kühnen Sätzen zu übertönen:

„Den Hass kennt das Christentum nicht. Grundfalsch ist, dass das Evangelium nur für die Germanen da sei. Christus hat gesagt: Gehet hinaus in alle Welt und lehret alle Völker (...)!“

Ein Trupp SA-Männer erhielt den Auftrag, den Priester vor der Wut des Publikums zu beschützen; einen so prominenten Märtyrer hätte man sich zu dem Zeitpunkt nicht leisten können.

Zehn Jahre später gelangten die Nazis endgültig an die Macht. Und die Gefängnisse füllten sich mit Regimegegnern aus den unterschiedlichsten Weltanschauungen und politischen Lagern. Rupert Mayer kämpfte in seinen Predigten unbeirrt für die Freiheit des Bekenntnisses und für die Freiheit der Eltern, ihre Kinder christlich zu erziehen.

Redeverbot für Rupert Mayer 

Immer wieder erschien er mit einer Nazi-Zeitung auf der Kanzel und wies die darin enthaltene Stimmungsmache gegen Kirche und Klerus mit detaillierten Informationen zurück. Die Personalakte Pater Rupert Mayer bei der Münchner Polizeidirektion wuchs und wuchs. Die Staatsanwaltschaft verwarnte ihn: Politik auf der Kanzel, das gehe „im heutigen Staat“ nicht mehr.

Am 8. April 1937 verhängte die Berliner Gestapo-Zentrale über Pater Mayer ein Redeverbot für das gesamte Reichsgebiet. Der Priester beriet sich mit seinem Ordensprovinzial und dem Münchner Kardinal Faulhaber und beschloss den Maulkorb einfach zu ignorieren. Wie nicht anders zu erwarten, verhaftete ihn die Gestapo wenige Wochen später.

Einschüchtern ließ sich der Jesuit nicht. Als die Gestapo eine schriftliche Erklärung von ihm verlangte, was er künftig zu tun gedenke, ließ er sich keine gewundenen Interpretationen einfallen, sondern gab unmissverständlich zu Protokoll:

„Ich erkläre, dass ich im Falle meiner Freilassung trotz des gegen mich verhängten Redeverbotes nach wie vor, aus grundsätzlichen Erwägungen heraus, predigen werde. Ich erkläre insbesondere, dass ich auch in Zukunft von der Kanzel herab in der bisherigen Form die Kirche gegen etwaige Angriffe mit aller Entschiedenheit und Offenheit und Schärfe, aber ohne persönlichen Angriff verteidigen werde.

Einen „Wahrheitsfanatiker“ – so hatte Rupert Mayer sich selbst genannt. Nichts charakterisiert den Priester besser als seine bühnenreifen Dialoge mit dem Gerichtsvorsitzenden, Dr. Robert Wölzl, der sich manchmal mit hintergründiger List, manchmal naiv-treuherzig um diesen bockigen Angeklagten bemühte.

„Die Lüge hinkt durch die Welt“

Da ging es zum Beispiel um Mayers auf der Kanzel geäußerten Protest, die Erziehungsberechtigten seien „gegen alles Recht und Gesetz“ um die katholische Bekenntnisschule gebracht worden. Der Gerichtsvorsitzende tadelte ihn väterlich:

„Ja, das geht doch nicht!“

Darauf Mayer lakonisch:

„Nein, das geht auch nicht.“

„Das kann der Staatsanwalt sich doch nicht gefallen lassen,“ 

versuchte es Dr. Wölzl weiter,

„da mag er noch so katholisch eingestellt sein. Man soll es halt nicht machen, gegen Gesetze verstoßen.“

„Das ist sehr schwer!“

„Natürlich ist das sehr schwer. Mit der Zeit kommen wir schon zusammen. Sie sollen nicht beschnitten werden, als Priester Ihr Recht zu vertreten. Aber diese Ausfälle hier nebenbei gegen den Staat ...

„Mir kommt es viel ehrlicher vor, als wenn ich durch alle möglichen Phrasen mich durchwinde, um dann das gleiche zu sagen. Hier wissen die Leute, so ist es, und es ist auch so.“

„Es muss halt eine gewisse Form haben.“

„Grob ist mir viel lieber, wenn es ehrlich ist.“ 

Dann kam der gefährliche Vorwurf, er habe den Reichspropagandaminister Dr. Goebbels auf der Kanzel durch den wiederholten Ausruf beleidigt:

„Die Lüge hinkt durch die Welt.“

Goebbels war leicht gehbehindert. Mayer erwiderte ebenso unerschrocken wie schlau:

„Aber lügt denn der Herr Reichsminister?“

Das Gericht zog sich auf salomonische Weise aus der Affäre. Mayer wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, doch der Haftbefehl wurde gleich wieder aufgehoben, es drohe keine Wiederholungsgefahr, man vertraue auf die Einsicht des Delinquenten.

Wenige Monate später begann Mayer allerdings wieder in der gewohnt deutlichen Weise zu predigen. Und es folgte eine neue Verhaftung.

Dickschädeligkeit als kernchristliche Tugend

1987 sprach Papst Johannes Paul II. im Münchner Olympiastadion den kantigen Priester Rupert Mayer selig – dieses gestandene Mannsbild, wie man in Bayern sagt, diesen frommen Querkopf, der vor Lüge und Gewalt niemals umfiel.

In der Seligsprechung steckt wohl auch die Botschaft, dass notorische Dickschädeligkeit eine kernchristliche Tugend sein kann.

Dann sind all die diplomatischen Leisetreter mit ihrem vorsichtigen Abwägen – nur keinen Anstoß erregen! – zwar nicht verdammt, denn Barmherzigkeit ist genauso eine Tugend, aber doch massiv in Frage gestellt.

Und die eigensinnige Sturheit, mit der Rupert Mayer an seinen Grundüberzeugungen festhielt, erscheint als die letztlich einzig angemessene Haltung für einen Christen. Mayer wusste, dass die Treue zur Wahrheit ihren Preis hat:

„Am Kreuz kommt niemand vorbei, sei es nun groß oder klein, und die es nicht tragen wollen, sind unglückliche Menschen.“ – „Ja, wir werden mutig, wenn wir uns in Gottes Hand geborgen wissen, was immer uns auch treffen mag. Es gibt keine Macht auf Erden, die uns ohne die Zulassung Gottes etwas anhaben könnte.“

Gott aus ganzem Herzen zu lieben

Dieser Frontkämpfer und entschlossene Widerständler, der den Mächtigen furchtlos gegenübertrat und sich die Courage von niemandem abkaufen ließ – in seinem Glauben war er wie ein Kind.

Er litt unter der allgegenwärtigen Gewalt und dem Unrecht, mit dem er tagtäglich konfrontiert wurde, er hatte Angst um die ihm anvertrauten Menschen und um die Kirche in Deutschland – aber nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, deshalb an Gott zu verzweifeln.

Gott war ihm keine abstrakte theologische Größe, sondern ein persönliches Gegenüber, dessen zärtliche Liebe und unverbrüchliche Treue er täglich erfahren durfte:

Mayers Predigten waren von einem schier preußischen Pflichtbewusstsein getragen und nicht selten von einer kämpferischen Härte, als gelte es, ein Ritterheer zur Schlacht zu ermuntern. Doch das schien nur so. Was ihn trieb, war Liebe: die stürmische Liebe Gottes zum Menschen und dessen Antwort in dankbarer Liebe. Das ist die Wurzel der Radikalität, die seine Ansprachen und Briefe prägte:

„Das ist das Erste: Gott aus ganzem Herzen zu lieben. Nicht so, dass der liebe Gott halt auch so ein wenig mitkommt, nein, unsere ganze Liebe soll ihm gehören.“

Es waren schlichte Weisheiten, die Pater Mayer da verbreitete – schlicht und doch unerhört fordernd, wie es die zentrale Botschaft des Christentums eben ist.

Bei Gott fühlte er sich geborgen und sicher, was ihm auch passieren mochte. Das war wohl der Grund für die erstaunliche Gelassenheit, die er an den Tag legte, als man ihn inhaftierte. Kraft zum Durchhalten gab ihm dann sein Lieblingsgebet, das er selbst gereimt hatte und das heute noch viele kennen:

„Herr, wie du willst, soll mir geschehn,

und wie du willst, so will ich gehn,

hilf deinen Willen nur verstehn.

Herr, wann du willst, dann ist es Zeit,

und wann du willst, bin ich bereit,

heut und in alle Ewigkeit.“

Rupert Meyer wird zum „lebend Toten“

An Weihnachten 1939 lieferte man Rupert Mayer ins KZ Sachsenhausen bei Berlin ein. Der Beinstumpf schwoll dort immer mehr an, während der Häftling erbarmungswürdig abmagerte. Schmerzlindernde Medikamente und Schlafmittel wurden ihm ebenso verweigert wie die Sakramente.

Nach wenigen Monaten, als er nur noch fünfzig Kilo wog und ein Hungerödem am kranken Bein hatte, war sein Zustand lebensbedrohlich geworden. Einen Märtyrer Mayer konnte der NS-Staat aber nach wie vor nicht brauchen.

Es kam zu einer abenteuerlichen Vereinbarung zwischen Gestapo und Münchner Kirchenleitung: Der Priester kam am 5. August 1940 frei, musste sich aber in das abgelegene bayerische Benediktinerkloster Ettal zurückziehen. Dort durfte er nicht einmal die Messe mit der Gemeinschaft feiern oder Beichte hören.  

„Seitdem bin ich lebend ein Toter“,

grämte sich der Gerettete. Fünf lange Jahre verbrachte er hier im Exil, um bei Kriegsende müde und gebrochen neunundsechzigjährig in das zerbombte München zurückzukehren. Die Menschen hatten ihn nicht vergessen. Sie strömten sofort wieder in seine Predigten, belagerten sein Sprechzimmer.

Standhaft bis zum Schluss

Er bemühte sich um Wohnungen und Möbel für die Ausgebombten, schrieb zahllose Briefe, protestierte gegen Willkürmaßnahmen der amerikanischen Militärregierung. Doch Pater Mayers Kräfte waren erschöpft. Am Allerheiligentag 1945 erlitt er mitten in einer Predigt einen tödlichen Gehirnschlag.

Und blieb aufrecht stehen, bis man ihn aus der Kirche trug.

„Unser Pater Mayer ist niemals umgefallen“,

raunten sich die Münchner zu,

„nicht einmal im Sterben!“ 

Sie fanden es ganz in Ordnung, dass er am Allerheiligentag gestorben war, jenem Tag, an dem die Katholiken und auch viele lutherische Kirchen der Gemeinschaft der bei Gott Vollendeten gedenken. Natürlich kann niemand sagen, wer wann in den Himmel gekommen ist – das vermag nur Gott allein.

Aber die Kirche kann ihre Überzeugung ausdrücken, dass ein Menschenleben geglückt, an sein Ziel gekommen ist – und dass es Modellcharakter für die Welt hat: So will Gott den Menschen, so ähnlich könntest du auch leben – bei allen Unterschieden im beruflichen oder kulturellen Umfeld. 

Die Heiligen, Gottes menschliches Gesicht in einer bestimmten Epoche oder Situation. Die Heiligen, Menschen, in denen der Himmel die Erde berührt; Menschen, an denen sich ablesen lässt, was das heißt: Christ sein, glauben, die Liebe leben.

Die Heiligen, spirituelle Gestalten, die neue Welten entdecken und nach den Sternen greifen. Leute mit Gewissen und Courage, die sich selbst treu bleiben und die Erfahrung leben, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist.

Als man Mayers Leichnam drei Jahre später in die Krypta der Bürgersaalkirche in der heutigen Fußgängerzone überführte, säumten Hunderttausende die Straßen. Noch heute ist der schlichte Raum nie ohne Beter, das Grab nie ohne frische Blumen. Kardinal Faulhaber stellte damals nachdenklich fest:

„Das Grab des Paters Rupert Mayer im Bürgersaal kann man vergleichen mit dem Grab des heiligen Johannes von Ephesus.

Von dort erzählt die Legende, dass, wer sein Ohr auf den Verschlussstein des Grabes legt, das von Liebe bewegte Herz des Apostels hört.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.

Musik:

Arvo Pärt – Prelude & Fugue

Emil Brandqvist – Crystals

Arvo Pärt – Poliphonic Kanons

Dvorak – Piano Concerto in G Minor, I. Allegro Agitato

Dvorak – Großväterchen tanzt mit Großmütterchen

Dvorak - Piano Concerto in G Minor, II. Andante sostenuto

Karl Jenkins – The Armed Man


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 01.11.2020 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche