33. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Fidelis in Stuttgart

Predigt von Pfarrer Stefan Karbach

Ehrlich gesagt: Nicht gerade mein Lieblingsgleichnis. Ich tue mich eher schwer mit diesem Text. Vielleicht, weil vordergründig so viel von Geld gesprochen wird – und mir das als Gottesvergleich so fern liegt.

Von enormen Summen ist die Rede. Ein Talent, das sind etwa 20 durchschnittliche Jahreseinkommen. 160 Jahresgehälter verteilt der Herr da einfach so an seine drei Diener. Enorme Summen auf jeden Fall. 

Die bewusste Doppeldeutigkeit des Wortes Talent hilft mir auch nicht weiter. Selbst wenn es nicht um Geld geht, sondern um Begabungen, Fähigkeiten, Talente eben - sagt Gott dann: Hier vertraue ich dir Möglichkeiten an, mach was draus in deinem Leben? Schau, dass du vermehrst, was du bekommen hast. Spätestens im Tod werde ich Rechenschaft von dir fordern.  

Die ersten beiden Diener jedenfalls handeln so. Wie sie ihr Geld verdoppeln, erzählt das Gleichnis nicht. Eigentlich auch nicht, dass sie diesen Auftrag vom Herrn überhaupt bekommen haben. Aber egal, sie gehen sofort ans Werk, „wirtschaften“ mit ihren Talenten und gewinnen noch einmal so viele dazu.

Für uns Kinder des Spätkapitalismus nicht unvertraut, diese Logik. Aber ist Gott letztlich ein Buchhaltergott? Am Ende bekommt der erste Diener auch noch das letzte Talent zu seinen zehn dazu.

„Wer wagt, gewinnt“ und „Jeder ist seines Glückes Schmied“? Das passt nicht zu Jesus. Das kann nicht seine Botschaft sein.

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Warum hat der Herr dann kein Mitleid mit dem dritten Diener? Warum versteht er dessen Angst so gar nicht?

Angst ist ein starkes Motiv, finde ich. Menschen in Angst können wie gelähmt sein, nicht weiterwissen, sich nichts zutrauen. Menschen in Angst halten sich manchmal für nichts wert und verlieren den Blick auf ihre eigenen Möglichkeiten. Und über diesen Abgrund des dritten Dieners geht der Herr im Gleichnis einfach hinweg.

Die anderen beiden strotzen nur so vor Selbstvertrauen; der dritte hat wohl keines. Vertrauensvoll kann er offensichtlich nicht auf das schauen, was ihm anvertraut ist. Das lähmt ihn.

Meine Frage des Anfangs meldet sich wieder: So soll ich mir Gott vorstellen? Mit so wenig Sympathie, Mitleid, Verständnis für menschliche Angst. So wenig Zuwendung zu meinem Heulen und Zähneknirschen. Der dritte Diener wird ja nicht erst ganz am Ende bestraft.

Wenn ich ihn mir vorstelle, die ganze lange Zeit ohne seinen Herrn…  Er ist in seiner Angst doch längst im Heulen und Zähneknirschen angekommen. Und findet dafür kein bisschen Verständnis - mit dem, was ich von Gott und Jesus begriffen zu haben glaube, bringe ich das einfach nicht zusammen.

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Schaue ich vielleicht zu sehr auf die Diener - und viel zu wenig auf den Herrn? Vielleicht finden sich bei ihm ja doch Lichtspuren, Ermutigungen für mein Leben.

Der Herr vertraut den Dienern sein Vermögen an, heißt es lapidar am Anfang des Gleichnisses. „Sein Vermögen“ – also wohl alles, was er besitzt. Er scheint nichts zurückzubehalten. Und dann das Wort „anvertrauen“. Er setzt Vertrauen in seine Diener, geht in Vorleistung - und trägt eigentlich das ganze Risiko.

Mit Gott so vorzustellen, das gefällt mir schon deutlich besser. Gott setzt sein Vertrauen in mich, übergibt alles, was er zu geben hat. Nichts hält er zurück – nichts an Liebe, an Großmut, an Kreativität, an Vergebungsbereitschaft … und was sonst noch alles. Er setzt Vertrauen in mich und jeden Menschen und ist bereit, das Risiko alleine zu tragen.

Er übergibt sein Vermögen den Dienern, und zwar jedem „nach seinen Fähigkeiten“. Dieses letzte Halbsätzchen versteckt sich fast zwischen den ungeheuerlichen Zahlen. Vielleicht werden die drei Diener von ihrem Herrn also gesehen, wie sie sind. Zutreffend eingeschätzt, ohne sie zu überfordern.

Ist das so etwas wie göttliche Gerechtigkeit? Eine Gerechtigkeit, die eben nicht darin besteht, dass jeder das Gleiche bekommt, sondern allen zugemessen wird nach dem, was sie vermögen und brauchen. Dann bekommen zwar nicht alle gleich viel, aber auch niemand nichts. Welch gnädiger Blick wäre das auf alle, die sich selbst nur wenig zutrauen, die immer ausgemustert werden, die scheinbar zu nichts zu gebrauchen sind.

Ganz folgerichtig ist es im Gleichnis dann auch so, dass der Herr bei der Rückkehr sein Vermögen ja gar nicht zurück-fordert. Vielmehr dürfen die beiden ersten Diener alles behalten - das, was ihnen der Herr anvertraut hat, und das, was sie dazu erworben haben.

Der Herr scheint sich einfach zu freuen, wenn Liebe, Großmut, Kreativität, Vergebungsbereitschaft und was sonst noch alles im Leben seiner Dienerinnen und Diener zur Entfaltung kommen. Und er lädt ein, an dieser Freude teilzuhaben.

Eines erzählt uns das Gleichnis leider nicht: Ob der dritte Diener doch noch Befreiung aus seiner Angst erfahren kann? Ich hoffe es. Wir wünschen es ihm. Vielleicht mehr noch uns selbst.

Ganz vorsichtig beginne ich zu ahnen, dass das Gleichnis also doch so etwas wie eine Einladung sein könnte. Gott vertraut uns. Er sieht uns, jede und jeden, wie wir sind. Und übergibt uns sein Vermögen. Und wir - was alles vermögen wir aus diesem Vertrauen.


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Dieser Beitrag wurde am 15.11.2020 gesendet.





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