Wort zum Tage, 14.11.2020

von Altfried G. Rempe, Trier

Gottes Querulantin

Jede und Jeder hat so jemand: Einen Menschen, der oder die mir aber so was von auf den Zeiger geht, mich immer wieder stört oder irgendwie einfach lästig ist.

Kennen Sie vermutlich auch. Und wissen, wie unangenehm so eine Begegnung sein kann – zumal, wenn die oder der Andere auch noch Recht haben könnte oder Recht hat.

Jesus erzählt mal eine Geschichte von so einer Frau – in der Bibel ist sie aufgeschrieben und wird heute im katholischen Gottesdienst vorgetragen. Die Geschichte handelt vordergründig von einem faulen und offenbar korrupten Richter, der wohl ziemlich nach Lust und Laune Recht spricht – oder eben nicht.

Zu dem kommt immer wieder eine Witwe gelaufen, die endlich eine gerichtliche Entscheidung braucht – zu ihren Gunsten, vermutlich. Wichtig zu wissen, dass in der damaligen Gesellschaft eine Witwe schon an sich ziemlich rechtlos ist. Ihr bleibt nur eins: Sie wird dem Richter lästig.

Der empfindet sie als Querulantin. Und die bleibt sie so lange, bis er endlich eine Entscheidung trifft – einfach schon, um sie loszuwerden. Er wischt sie weg, sozusagen, wie man eine lästige Mücke wegwischt.

Leider bleibt in der biblischen Geschichte offen, um was es eigentlich gegangen sein könnte – und dass der Richter dann tatsächlich für die Frau entscheidet, kann ich nur vermuten.

Na gut – das ist vordergründig auch eine Einladung, anderen Menschen auf den Geist zu gehen. Das scheint ja manchmal nötig – wenn es um was Wichtiges geht. Die Lästigen geduldig ertragen, das ist ja nur eine Möglichkeit; ihnen nachzugeben oder entgegenzukommen, kann auch sinnvoll sein.

Manchen Mitmenschen würdest du lieber ausweichen; bei anderen könntest du explodieren, wenn sie schon wieder ankommen…

Solche Menschen auszuhalten, kann eine große Herausforderung sein; aber vielleicht entwaffnet es sie ja, wenn ich ihnen trotz allem ein freundliches Gesicht zeige, den einen oder anderen Gefallen tue… Und am Schluss hätte ich sogar selbst was davon – endlich ein bisschen Ruhe…

Obwohl – du hast Recht und ich meine Ruhe: Meinen Gott stelle ich mir aber natürlich anders vor. Jesus erzählt diese Geschichte, weil er seine Leute auffordern will, Gott lästig zu fallen – mit ihrem Gebet.

Wenn sogar ein so korrupter Richter der Witwe Recht gibt – dann könnt ihr doch davon ausgehen, dass Gott auf euch hört. Hauptsache, dass ihr ihm lange genug lästig fallt…

Manchmal geht Jesus aber viel weiter. Sein Gott steht von vornherein bedingungslos auf der Seite der Menschen, die er liebt, ganz von selbst. Macht nicht viele Worte, sagt Jesus einmal sinngemäß; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.

Und diesem Gott lästig zu werden, das dürfte dem übelsten Querulanten schwerfallen.


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Dieser Beitrag wurde am 14.11.2020 gesendet.


Über den Autor altfried g. rempe

altfried g. rempe ist 1953 in Essen geboren. Er ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Mehrere Jahre hat er mit Studentinnen und Studenten in der Trierer Hochschulgemeinde Leben und Glauben immer wieder neu und aus neuen Perspektiven entdeckt. Eine journalistische Ausbildung hat er beim SR in Saarbrücken und im „Theologenkurs“ (1995) beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München absolviert. Seit 1999 ist er Redakteur von www.bistum-trier.de. Außerdem macht er Verkündigungssendungen beim SWR und SR.

Kontakt
altfried.rempe@bistum-trier.de

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