Wort zum Tage, 12.11.2020

von Altfried G. Rempe, Trier

Die Willi Graf-Glocke

Das war ein mutiges Signal in den ersten Jahren der Nazi-Diktatur: In Essen im Ruhrgebiet hat eine Kirchengemeinde 1935 auf ihre neue Glocke diesen Satz gießen lassen: Christ König soll Führer für Essen sein.

Es gab allerdings auch ein paar Kirchengemeinden, die damals auf ihren Glocken dem angeblichen Führer Adolf Hitler huldigten. In den letzten Jahren sind solche Geläute wiederentdeckt worden – und haben manche Diskussionen ausgelöst.

In der Jugendkirche eli.ja in Saarbrücken hatte die Debatte praktische Folgen. Die dachten gerade über eine zweite Glocke für ihren Turm nach; da schlug eine junge Frau vor, mit der zweiten Glocke an den Hitler-Gegner Willi Graf aus Saarbrücken zu erinnern.

Und an die Widerstands-Bewegung Weiße Rose, der Graf angehört hat. Die Mitglieder der Weißen Rose hatten erkannt, welch schreckliches Leid die Nazis und die Wehrmacht über ganz Europa gebracht hatten – und besonders auch über die jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn überall.

Unrecht und Tod und Verderben „im Namen des deutschen Volkes“. Sie wollten sich nicht länger vereinnahmen lassen; die Verantwortung für das Unheil mitzutragen: das lehnten sie ab.

Willi Graf und Sophie und Hans Scholl und die anderen haben zum Beispiel Flugblätter gedruckt und ins Treppenhaus der Universität geworfen. Sie haben das Ende der Diktatur und des Krieges gefordert.

Wegen „Hochverrat“ hat die Gestapo fast alle verhaftet und ermordet. Willi Grafs „Angelegenheit wird am 12. Oktober um 17 Uhr erledigt.“, heißt es 1943 zynisch im Protokoll der Staatsanwaltschaft.

Seit einem Monat läutet die Willi Graf-Glocke in Saarbrücken jetzt täglich um fünf Uhr nachmittags, genau zur Todesstunde. Junge Leute übernehmen den Dienst, freiwillig. Sie ziehen im Turm am Glockenseil und erinnern mit dem hellen Klang an den jungen Mann, der seinem Gewissen gefolgt ist; der seinen christlichen Glauben in politischen Widerstand umgesetzt hat.

Kann sein, dass das damals ein kaum sichtbares Zeichen geblieben ist; bleibt aber zu hoffen, dass das Glocken-Signal heute diese einsame Stimme wieder hörbar macht. Und dass es den normalen Ablauf stört. Glockenläuten war ja immer schon auch Alarm.

Und dass Christinnen und Christen und andere sich auch heute wieder mehr einsetzen sollten und könnten gegen Unrecht und Lüge und für die Freiheit der Menschen und die Wahrheit: das wissen eigentlich alle.

Gut, sie trotzdem immer wieder daran zu erinnern – in Saarbrücken täglich um fünf; mit der Muskelkraft und dem Engagement vieler junger Menschen.


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Dieser Beitrag wurde am 12.11.2020 gesendet.


Über den Autor altfried g. rempe

altfried g. rempe ist 1953 in Essen geboren. Er ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Mehrere Jahre hat er mit Studentinnen und Studenten in der Trierer Hochschulgemeinde Leben und Glauben immer wieder neu und aus neuen Perspektiven entdeckt. Eine journalistische Ausbildung hat er beim SR in Saarbrücken und im „Theologenkurs“ (1995) beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München absolviert. Seit 1999 ist er Redakteur von www.bistum-trier.de. Außerdem macht er Verkündigungssendungen beim SWR und SR.

Kontakt
altfried.rempe@bistum-trier.de

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