Wort zum Tage, 11.11.2020

von Altfried G. Rempe, Trier

St. Martins-Blues

Es war in der großen Zeit der Liedermacher – vor beinah fünfzig Jahren; und erst mal dachte ich

„Hey klasse, einer von denen macht was über unsere kirchlichen Themen…“

Von Ulrich Roski war der „St. Martins-Blues“. Da reitet der heilige Martin über Land, sieht einen Bettler am Straßenrand, zügelt sein Pferd, schneidet seinen Mantel in zwei Stücke und gibt dem Bettler die eine Hälfte…

Aber dann spinnt Roski die Geschichte weiter: Der Bettler denkt sich „Was nützt mir eine Hälfte von dem Kleide – nehm’ ich sie doch besser beide“; er schlägt den Reiter nieder und geht seiner Wege – mit dem ganzen Mantel.

Und dann der Blues, die Einsicht nämlich, mit der Martin zurückbleibt und den Liedermacher zurücklässt:

“Don’t offer your finger, if you want to keep your hand for you…“  – „Reich keinem den Finger, wenn Du die Hand behalten willst; die Leute sind so eklig, die nehmen alles, was sie kriegen können…“ 

Schade; das Thema ist heute natürlich anders zu erzählen. Die Geschichte ist nämlich notwendig, auch heute noch und besonders am 11. November, dem Gedenktag des heiligen Martin, der da in der Winternacht seinen Mantel teilt mit einem, der ohne Mantel auf der Straße sitzt.

Schließlich gibt es – im Weltmaßstab sowieso, aber inzwischen auch wieder im nahen Umkreis – genügend Menschen, die darauf angewiesen sind, dass andere mit ihnen teilen.

Und im Original geht die Legende ja anders weiter: Martin gibt den halben Mantel ab und rettet den Armen vor dem Kältetod. Und nachts träumt er von Jesus Christus, der mit dem Mantelteil bekleidet ist und Martin dankt, weil er IHN bekleidet hat.

Andererseits ist Roskis Blues ja sogar ganz aktuell, auch im Herbst 2020: Reich keinem deinen kleinen Finger – die Leute sind so eklig, „they take all they can get…“ Dieses Denken zementiert auch heute noch die Unterschiede zwischen den Menschen, zwischen arm und reich, zwischen satt und hungrig…

Kurz mal gab es eine gewisse Hoffnung, dieses Jahr, dass wenigstens einiges anders werden könnte. Die Corona-Pandemie hat ja vielen Menschen die Herzen geöffnet; und ihre Hände auch.

Da wurde nachgefragt, wie es den anderen geht; da wurde eingekauft für die alten Nachbarn. Hat wohl wenigstens bis zum Sommer gehalten; und ist gerade wieder viel wichtiger geworden.

Es bleibt jedenfalls notwendig, dass mehr oder alle Menschen es riskieren, wirklich miteinander und mit anderen zu teilen. Also den Menschen am Rand eventuell sogar mehr geben als den halben Mantel.

Vielleicht braucht er oder sie ja meine Zeit, einen Rat, mein Engagement für eine bezahlbare Wohnung und für eine Politik, die überhaupt Menschen aus ihrer Not rettet – nebenan oder im armen Süden oder auf dem Mittelmeer.

Denn – und das hat schon der Martin in Ulrich Roskis Blues so gedacht:

„Geteilter Loden ist doppelter Loden!“

Es muss ja nicht der Mantel sein…

Text online: http://www.songtexte-kostenlos.com/ulrich-roski/st-martin039s-blues.html (7.10.2020)


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 11.11.2020 gesendet.


Über den Autor altfried g. rempe

altfried g. rempe ist 1953 in Essen geboren. Er ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Mehrere Jahre hat er mit Studentinnen und Studenten in der Trierer Hochschulgemeinde Leben und Glauben immer wieder neu und aus neuen Perspektiven entdeckt. Eine journalistische Ausbildung hat er beim SR in Saarbrücken und im „Theologenkurs“ (1995) beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München absolviert. Seit 1999 ist er Redakteur von www.bistum-trier.de. Außerdem macht er Verkündigungssendungen beim SWR und SR.

Kontakt
altfried.rempe@bistum-trier.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche