Wort zum Tage, 09.11.2020

von Altfried G. Rempe, Trier

Fallende Mauern

Wenigstens der Rahmen dieser biblischen Erzählung passt zum 9. November, dem Gedenktag des Mauerfalls in Deutschland. Auch hier ist von bröckelnden Mauern die Rede.

Das Evangelium erzählt von vier Freunden, die ihren gelähmten Kumpel zu Jesus bringen. Vor dem Haus und im Haus kein Durchkommen – aber die Not ist groß; also auf’s Dach. Und vom Dach lassen sie ihn auf seiner Trage oder Matte zu Jesus hinunter.

Nun dürfte das eher ein Dachgarten gewesen sein oder eine Dachterrasse, wie im Orient noch heute üblich; also müssen sie ein Loch in die Decke brechen. Putz und Mörtel bröckeln herunter auf Jesus und die Leute, die ihn dicht umringen. Schon ein bisschen sensationell.

Aber es kommt sensationeller: Jesus erkennt, dass die fünf von einer großen Glaubenskraft angetrieben sein müssen – und erkennt das ohne Umwege an. Und dann lässt das Evangelium Jesus zu dem gelähmten Mann auf der Matte sagen:

„Deine Sünden sind dir vergeben.“

Ob das für den die erwartete Sensation war? Der wollte doch vermutlich vor allem seine Lähmung loswerden – dafür der ganze Aufwand.

Und jetzt: Deine Sünden sind dir vergeben? – Hoffentlich hat er später mal kapieren können, was ihm da geschehen und zugesagt war.

Sensation und Skandal dagegen für die besonders Frommen in der Zuhörerschaft, bei denen also, die da dem Propheten Jesus so gespannt lauschen: Was nimmt der sich heraus – Sünden vergeben kann doch nur Gott selbst, der Heilige im Himmel. Der hier lästert Gott.

Jesus geht darauf ein – und macht den Durchbruch und die Sensation komplett. Das wäre ja leicht, wenn ich sage: deine Sünden sind dir vergeben; wer könnte das widerlegen? Aber ihr sollt sehen, dass ich es kann: Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Matte und geh in dein Haus! Und sogleich steht der auf, nimmt die Matte und geht nach Hause; laut Halleluja singend.

Er dankt Gott – vermutlich geht ihm allmählich auf, dass Jesus ihm ein noch größeres Geschenk gemacht hat: Auch seine Lähmung im Verhältnis zu Gott und den Menschen hat er ihm genommen; Sünde hatte er das genannt.

Für mich ist das eine große Zusage – und eine Herausforderung zugleich. Die Geschichte mit dem Gelähmten vom Dach erzählt ja auch, dass es sichtbare Belege geben sollte für die Botschaft, die die Christenheit und die Kirche in die Welt rufen.

Aus Lähmung wird Bewegung – immer wieder und immer und für jede und jeden anders. Und wer heute an den 9. November 1989 erinnert, hat auch einen Beweis dafür in der Hand: fallende Mauern und bröckelnden Putz…


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 09.11.2020 gesendet.


Über den Autor altfried g. rempe

altfried g. rempe ist 1953 in Essen geboren. Er ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Mehrere Jahre hat er mit Studentinnen und Studenten in der Trierer Hochschulgemeinde Leben und Glauben immer wieder neu und aus neuen Perspektiven entdeckt. Eine journalistische Ausbildung hat er beim SR in Saarbrücken und im „Theologenkurs“ (1995) beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München absolviert. Seit 1999 ist er Redakteur von www.bistum-trier.de. Außerdem macht er Verkündigungssendungen beim SWR und SR.

Kontakt
altfried.rempe@bistum-trier.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche